Abschied von den frühen Jahren oder Coming-out auf dem Lande und in Berlin

Bei meinem zwanzigsten Geburtstag überwog noch das Gefühl der Unzufriedenheit damit, nicht gewagt zu haben, mich jemandem zu offenbaren. Mit Paul hatte es zwei Jahre gedauert, bis es soweit war. Das Geständnis “Ich liebe dich” war mir trotzdem nicht über die Lippen gekommen. Weil das damals absolut tabu war.

Auch nach ihm war ich weiter unsicher darin, bei einem Anklang zu finden oder abzublitzen. Weil ich nicht sicher sein konnte, mich bei ihm an der richtigen Adresse zu befinden. Wie es bei Paul der Fall war. Dessen Vater nicht entgangen war, dass wir uns beim Abschied geküsst und umarmt haben. So hatte er es sich nicht nehmen lassen, seinen Sohn aus Anlass eines gemeinsamen Familienurlaubs in Italien darauf aufmerksam zu machen, im Fall weiter am Kontakt mit mir festzuhalten, keine Unterstützung erwarten zu dürfen. Weder im Hinblick auf das von ihm geplante Studium der Pharmazie noch im Fall der späteren Übernahme des elterlichen Apothekenbetriebs. Elvira, ihm seitdem angetraut, war nicht erspart geblieben, sich über die Jahre hin vergeblich im unerfüllt gebliebenen Kinderwunsch zu verausgaben.

Nach meinem unfreiwilligen also zwangsweisen Abschied von Paul war ich nicht davor zu bewahren, weiter in der Furcht zu leben, eines Tages doch noch aufzufliegen. Während andere als ich bereits weiter waren. Frieder beispielsweise, als Mitglied unseres gemeinsamen Freundeskreises, dessen Beziehung mit seinem Lover für alle offenkundig war und sichtbar auf der Hand lag. Dank des Anblicks ihrer beiden dicht ineinander verhakten nackten Beine und Waden. Womit es ihnen gelungen war, zum Ausdruck zu bringen, was sie miteinander am Laufen zu hatten.

Trotz des Wechsels nach Berlin sollte Frieder nicht glücklich werden. Weil sein Lover sich, trotz gemeinsamen Haushalts, beim Studium an der FU in Dahlem in einen Kommilitonen verliebte. Darum war es an Frieder, mit dem Abbruch des Aufenthalts in Berlin darauf zu reagieren und mit der Rückkehr in unser am Unterlauf des Neckars gelegenes Kaff, von kaum mehr als dreitausend Seelen. Was nichts daran ändern sollte, mir weiter den Eindruck eines unerreichbaren Vorbilds zu vermitteln.

Im Gegensatz dazu war ich nicht auf Anhieb in der Lage, alles was ich mir im Umgang mit anderen versprochen habe, mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu handhaben, wie das Glas Wasser in der Wüste und die Luft zum Atmen. Was als Folge der immer gleichbleibenden Gefahr nachvollziehbar war, Dritten damit den Eindruck zu vermitteln, offenbar nicht ganz richtig zu ticken.

Nicht aber Dietmar, der mit mir vor sich auf der Stange auf seinem Fahrrad unterwegs war und nicht zögerte, mir seinen heißen Atem in den Nacken zu blasen. Weil der Hinweis auf meinen letzten Bus, der ohne mich zu seinem Ziel unterwegs war, ihm als willkommener Anlass dazu diente, mich nicht nur nach Hause zu fahren, sondern in einem schwachen Moment zu erwischen. Deshalb hat es mir wenig geholfen, ihn darauf aufmerksam gemacht zu haben, sich bei mir an der falschen Adresse zu befinden, also nichts damit am Hut zu haben.

Was Dietmar nicht daran hinderte, mir weiter damit in den Ohren zu liegen, mir an die Wäsche zu wollen. Deshalb war Gabis Einsatz gefragt. Die es sich gefallen lassen musste, sich mit mir gemeinsam, als beste Freundin, Hand in Hand im Szenelokal Milord blicken zu lassen. Ein zweifelhaftes Unterfangen, mit dessen Hilfe es uns gelungen war, Dietmar davon zu überzeugen, sich in mir getäuscht zu haben. Während ich meiner Mutter gegenüber erhebliche Schwierigkeiten damit hatte, sie davon zu überzeugen, es in Gabi nicht mit meiner Verlobten zu tun zu haben. Ihr dämmerte mit der Zeit, mich ihrer bloß als Sandfrau bedient zu haben, um Dietmar damit Sand in die Augen zu streuen und ihn hinters Licht zu führen.

Deshalb war Gabis erschüttertes Vertrauen in mich nur mit der Bereitschaft zum Coming-out wiederherstellbar. Doch war die damit verbundene Erfahrung, alles in allem genommen noch mal glimpflich davon gekommen zu sein, ohne das sich der Boden und die Hölle auftat, nicht auf andere übertragbar. Meine Mutter beispielsweise, im Hinblick auf die ich mit meinem Vater unausgesprochen einig war, ihr zu ersparen, aus allen Wolken zu fallen.

Wie alle Mütter in ihrer Lage würde auch meine Mutter anlässlich meines Outings nicht gezögert haben, mit der Frage darauf zu reagieren, wie hoch wohl ihr eigener Anteil daran zu veranschlagen war. Obgleich im Fall der Mütter schwuler Söhne nicht nowendigerweise davon auszugehen ist, in deren Erziehung alles falsch gemacht zu haben. Was für mich jedenfalls Anlass dazu war, Abstand davon zu nehmen, mich meiner Mutter zu offenbaren. Nach wie vor immer noch davon überzeugt, das Unschuldslamm in mir verkörpert zu erfahren, das ich seit Langem nicht mehr war. Weit davon entfernt, zur Kenntnis zu nehmen, es inzwischen faustdick hinter den Ohren zu haben. In immer noch lebhafter Erinnerung daran, dass ich in der ersten Klasse bereits soweit war, keinen Zweifel daran zu lassen, nicht mal im Traum daran zu denken, später mal zu heiraten. Um lediglich im Fall meines Klassenkameraden Klaus mit dem Gedanken zu spielen, eine Ausnahme davon zu machen.

Erst nach meinem Wechsel nach Berlin war es mir gelungen, mich von meinem Versteckspiel zu verabschieden. Sowohl im Freundeskreis als auch am Arbeitsplatz wussten alle über mich Bescheid. Während ich aus Rücksicht auf die Gefühle meiner Mutter Abstand davon nahm, sie darauf aufmerksam zu machen, wie es in Wahrheit mit mir aussah und um mich bestellt war – in meinem Fall also nicht auf Enkel hoffen zu dürfen.

In Berlin dagegen hatte ich weit weniger Probleme damit, den Schritt ins Freie zu wagen, nach dem Motto: “Schwul? Na und!” Was daheim, auf den Land etwas anders aussah. Mit Paul habe ich immer noch gelegentlich Probleme damit, zu vermeiden, mich mit ihm in die Wolle zu kriegen. Weil er davon überzeugt ist, es im Ehe- und Kinderwunsch jüngerer Schwuler und Lesben mit einem Angriff auf die bürgerliche Gesellschaft zu tun haben, von der er meint, ihr so gut wie alles zu verdanken.

Was Frieder, als Lover von ihm, nich daran hindert, sich nichts weniger zu wünschen, als es eines Tages doch noch zu schaffen, die erste Geige für ihn zu spielen, ihn also nicht mehr mit Elvira teilen zu müssen, sondern ganz für sich allein zu haben. Während es Elvira vorbehalten blieb, ihren Kinderwunsch endgültig zu begraben. Sich beide inzwischen einig, gegen Paul Front zu machen und sich gegen ihn zu verbünden. Dem es vorbehalten bleibt, beim Anblick Schwuler in der Öffentlichkeit am liebsten im Boden zu versinken.

Wie bei einer Kirmes beispielsweise und im Rahmen eines damit verbundenen Karaokewettbewerbs. Bei dem es einem schwulen Freundespaar, nicht älter als siebzehn, wenn es hochkam, gelungen war, den Sieg davonzutragen. Mit Marianne Rosenbergs Lied “Er gehört zu mir”. Vom Publikum im Saal mit viel Beifall dafür belohnt. Während Paul sich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen haben würde.

Was mich betrifft, habe ich keinen Grund dazu, stolz darauf zu sein, in Berlin keine Probleme damit zu haben, mich allen zu offenbaren. Während meine Familie weiter darauf wartet, Ernst damit zu machen. Immer noch froh und darüber erleichtert, meiner Mutter jeden unmittelbaren Hinweis darauf erspart zu haben, mich vor aller Welt damit zum Narren zu machen, mir in Berlin zu gefallen, einen mit klopfendem Herzen und beschleunigtem Puls damit zu überraschen, keine Probleme damit zu haben, mir auf ein Fingerschnippen hin zu gefallen, mit ihm gemeinsam durch einen brennenden Reifen zu springen.

Veröffentlicht unter Allgemein
Ein Kommentar auf “Abschied von den frühen Jahren oder Coming-out auf dem Lande und in Berlin
  1. Frank Donnersbach sagt:

    Ja so ging es mir. Wem sag ich es? Wem kann ich vertrauen? Warum ich? Diese und andere Fragen stellte ich mir jeden Tag bis ich vor ca 6 Monaten meine Eltern einweihte. Aber meine Mutter fasste es ganz locker auf nicht aber mein Vater der hat mich verstossen

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