Coming-out: Jobst im Interview mit Mahrenholz

Mahrenholz:
Wie schön, dass du die Zeit gefunden hast, heute dieses Gespräch mit mir zu führen. Ich will dich erst ein mal vorstellen: Du heißt Jobst, bist Jahrgang ’64, männlich, arbeitest als freischaffender Künstler und Schriftsteller…

Jobst:
Exakt!

Mahrenholz:
Heute soll es in unserer Unterhaltung um das Thema ‘Coming-out’ gehen. Da du selbst eines hattest, kannst du dazu ja sicher das eine oder andere beisteuern?

Jobst:
Mal sehen…

Mahrenholz:
Wie war’s denn so? Wie hast du dein ‘Coming-out’ erlebt?

Jobst:
Nun ja, da gibt es ja viele unterschiedliche Bereiche, die ein solcher Schritt berührt. Familie, Freunde, das Umfeld…

Mahrenholz:
Gab es so etwas wie einen Schlüsselmoment?

Jobst:
Doch, ja, den gab es!

Mahrenholz:
Na dann…

Jobst:
Es war ein Winterabend, wenn ich mich recht erinnere. Ich muss 18 Jahre alt gewesen sein, war von meiner Freundin Bea eingeladen und verbrachte einen angenehmen Abend bei ihr. Bea war damals so Mitte 50, schätze ich, und wir hatten einen Narren aneinander gefressen. Bea faszinierte mich. Sie unterrichtete an meiner Schule, leitete dort den Schulpsychologischen Dienst, arbeitete nebenbei als Gestalttherapeutin und hatte ein unglaublich abwechslungsreiches Leben hinter sich. Na, ein Stück weit war sie wohl so was wie eine Mentorin für mich. Jedenfalls, an diesem Abend, da legte sie mir Tarotkarten.

Mahrenholz:
Ach…

Jobst:
Schon klar, wie das jetzt klingt, aber es war wunderbar, wenn sie das tat. Wir tranken also exzellenten Brunello, den gab es immer bei ihr, plauderten und irgendwann kam das Ding mit den Karten. Gut eine Stunde später wusste ich, dass ich schwul bin!

Mahrenholz:
Bitte?

Jobst:
Die Karten haben es mir gesagt!

Mahrenholz:
Das ist doch nun absoluter Blödsinn!

Jobst:
Ja, nein, vielleicht! Im Grunde war es so, dass Bea meine Interpretationsversuche zu den Karten geschickt in eine Richtung lenkte. Sie wusste schon ewig und immer, dass ich für Jungs gemacht war. Sie wollte aber, dass ich es selbst entdecke, daher der Trick mit den Tarotkarten. Na, und irgendwann hab ich’s dann kapiert. Und Bea daraufhin: ‘Na Gott sei Dank! Endlich hat er’s.’ Ein wenig wie bei My fair Lady war das…

Mahrenholz:
Und?

Jobst:
Na, es war super! Ich hab mich gefreut! Ich freu’ mich eigentlich immer, wenn ich was verstehe…

Mahrenholz:
Aber hast du da keine Probleme auf dich zukommen sehen?

Jobst:
Nicht im Geringsten! Ich fand Schwulsein nie schlimm, immer interessant, und was die Haltung anderer angeht – da hatte ich einfach keine Angst. Nun war ich vermutlich aber auch so naiv zu glauben, dass auch andere damit kein Problem haben würden. Warum sollten sie, wenn es mir doch damit gut ging…

Mahrenholz:
Deine Eltern?

Jobst:
Mein Vater nahm es locker. Er ist eh ein menschlicher Typ, emotional, im positiven wie im negativen Sinn. Vom jähzornigen Choleriker bis zum winselnden Weich-Ei ist alles dabei. Ich mag das bisweilen. Ich erzählte ihm also davon, bei einem Spaziergang im botanischen Garten, und er hörte aufmerksam zu, um mir im Anschluss ein Riesen-Paket Fragen zu stellen. Er wollte wissen, ob ich alles über AIDS weiß, und wie ich damit umgehen würde, solche Dinge, das mochte ich…

Mahrenholz:
Und deine Mutter?

Jobst:
Meine Mutter war ein anderes Kaliber. Sie war Diplompsychologin, leitete ein großes Rehabilitationszentrum. Sie war voll auf Karriere gebürstet.
Ihr gefiel nicht, was sie da von mir hörte. Da es ihr aber zumindest von Berufs wegen hätte gefallen müssen, schwieg sie darüber. Tatsächlich habe ich erst nach ihrem Tod erfahren, wie sehr sie all die Jahre darunter gelitten hat, dass mir mein Leben auf diese Weise Freude machte.
Sie war auch diejenige, die mir als kleinem Jungen irgendwelche Männer zeigte, um dann zu sagen: ‘Guck mal, das ist ein 175′er’ (Gesetz von 1872, das Sexualität zwischen Männern unter Strafe stellte. Erst 1988 wurde es abgeschafft). Ich hab natürlich damals überhaupt nicht kapiert, wovon sie da eigentlich redet.
Ach ja – meine Eltern haben sich getrennt, da war ich vier! Ist ja nicht ganz unwesentlich. Und außerdem bin ich adoptiert!

Mahrenholz:
Gibt es noch Geschwister?

Jobst:
Mein Vater hat mit seiner jetzigen Frau noch eine Tochter und einen Sohn bekommen. Wir sehen uns eher unregelmäßig, mögen uns jedoch. Ich meine – wir haben nie Reibung, woher sollten da auch Konflikte entstehen.

Mahrenholz:
Und dein erster Freund? Wie war das?

Jobst:
Jean hieß er. Blondes, schulterlanges Haar, ganz zart, ein femininer Typ. Wurde vom Hausmeister seiner Schule mal vom Jungensklo geschmissen, weil er ihn für ein Mädchen hielt. Jean war sehr ordentlich und konnte nicht kochen. Wir lernten uns auf einer der legendären Löwenparties in Hannover kennen. Ein schwuler Professor, dessen Villa er an Schwule untervermietete, lud da einmal im Jahr zu einem illustren Fest. Das war wirklich unglaublich! Ballett, Feuerschlucker, Soiree im Garten, Streicherquartett und die schönsten Jungs der Stadt. Ich kellnerte dort, Jean wollte mich, und ich verknallte mich Hals über Kopf, fand ihn einfach hinreißend, was er auch war.

Mahrenholz:
War das deine erste Erfahrung mit einem Mann?

Jobst:
Sexuell?

Mahrenholz:
Genau.

Jobst:
War es! Aber ehrlich gesagt, ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern. An die zärtlichen Momente schon, die Küsse, all das Sanfte auf der Dachterrasse meiner Wohnung, aber der Sex, dieser Akt an sich – ich glaub, so richtig spektakulär war es nicht. Jean trug Socken im Bett, Tennissocken! Daran erinnere ich mich. Find’ ich furchtbar!

Mahrenholz:
Zurück zum ‘Coming-out’. Wie hat denn die Öffentlichkeit reagiert?

Jobst:
Sehr unterschiedlich. Leider hatte ich immer Freunde und Partner, die es nicht gerade schätzten, zum Beispiel Arm in Arm durch die Straßen zu gehen. Ich mochte das schon. Teils, weil ich verliebt war, stolz, oder auch als Provokation. Daher blieben öffentliche Reaktionen eher aus. Einmal – das war in dem Jahr, in dem David Lynch’s „Blue Velvet“ auf den Markt kam – da ging ich mit meinem liebsten Freund Felix über Schnee und Eis, Arm in Arm die Georgstraße entlang. Wir kamen gerade aus diesem Film! Optisch waren wir ziemlich schrill zu dieser Zeit. Felix sowieso. Er trug Glatze, aber nicht nazi-mäßig sondern eher soft. Er hatte riesige Augen und volle Lippen. Ein wunderwunderschöner Mann. Dazu puderte er sich und seine Klamotten dermaßen heftig mit ‘Paris’ von Yves Saint Laurent ein, dass es staubte, wenn er ging. Das war schon ziemlich schräg. Ich hatte damals den Spitznamen ‘das Gespenst’, was daher rührte, dass ich nachts in Schwulen-Bars und Diskotheken arbeitete. Daher bekam ich kaum Tageslicht zu sehen. Meine Augen schminkte ich mit Kajal, aber nicht gothik-like sondern eher indisch, die Haare färbte ich schwarz. Hatte schon was. Ich gefiel mir…

Mahrenholz:
Aha! Und dann, an diesem Abend?

Jobst:
Ach ja! Nun, Felix und ich, wir gehen da so die Georgstraße entlang, Arm in Arm, da stoppt uns so’n Trupp Jungs, ganz normale, von der Optik eher schick, und einer von ihnen sagt: ‘Wir wollen keine Juden, keine Türken und keine Homosexuellen!’
Na ja, und ehe ich’s mich versehe, dreht Felix sich um und sagt: ‘Und dich, wollen wir schon lange nicht!“

Mahrenholz:
Was geschah dann?

Jobst:
Es wurde unschön. Ich weiß nicht, ob uns das erspart geblieben wäre, wenn Felix nicht so reagiert hätte, aber im Nachhinein bin ich froh, dass er die Courage dazu gehabt hatte. Ich war wie paralysiert, stand nur da und ‘guckte Film’. Bis ich eine Dosis CS-Gas mitten ins Gesicht bekam. Und dann ging es los, mit Schlägen und Tritten.
So was verändert einen schon. Richtig wohl hab ich mich als Schwuler danach nur in Holland gefühlt …

Mahrenholz:
Aber es gibt auch gute Erfahrungen?

Jobst:
Ansonsten eigentlich ausschließlich. Naturgemäß habe ich nur Freunde, die damit kein Problem haben. Ich habe kaum schwule Freunde. Vermutlich ist die Aufteilung unseres Freundeskreises in gewisser Weise ein Abbild unserer Gesellschaft. Das gefällt mir. Es ist auch einfach kein Thema. Wieso auch? Unsere Hetero-Freunde reden ja auch nicht ständig davon, wen sie lieben. Sie tun es einfach. Und so ist es ja auch richtig. Genau so handhaben wir es auch!
Und was meine Arbeit angeht: Als Künstler ist es sogar ganz hilfreich, trés chic, wenn man so will, als Autor fließt das Thema automatisch mit ein, und in meiner Zeit als Rundfunkredakteur war meine Kollegin, mit der ich mir die Redaktion teilte, eine Lesbe. Was soll ich sagen? Gutes Timing!

Mahrenholz:
Würdest du sagen, dass sich seit damals einiges verändert hat?

Jobst:
Es hat sich ALLES geändert!

Mahrenholz:
Inwiefern?

Jobst:
Es ist auf einmal Hass zu spüren. Ich vermute, dass es heute viel mehr Mut erfordert, offen zu zeigen, dass man schwul ist. Die Brutalität gegenüber Schwulen hat zugelegt – zumindest europaweit. Hunderttausende Demonstrieren in Frankreich gegen Gleichstellung, in Montenegro werden Schwule am CS-Day mit Steinen und Flaschen beworfen, so richtig biblisch, und die russische Regierung erklärt Homosexuelle durch diskriminierende Gesetzesänderungen quasi für Freiwild. Das gleiche gilt für verbale Abfälligkeiten. Schwul ist mittlerweile ja das Allerletzte. Ich hab kein Verständnis für diese Haltung. Mein Verdacht ist, dass das Gros der Menschen dümmer geworden ist, auch dümmer ‘gehalten’ wird. Es ist ja schon ein Kunststück, heutzutage ‘intelligent’ fern zu sehen. Da wundert mich so einiges nicht, an Entwicklungen. Sehr erhellend sind da Straßenbahnfahrten. Möchtest du desillusioniert werden, in deinem Menschenbild, dann fahr’ Straßenbahn, rat’ ich dir! Auch die Hemmschwelle für Gewalt und Beleidigungen ist meiner Ansicht nach gesunken.

Mahrenholz:
Würdest du dich heute noch outen?

Jobst:
Ich müsste! Aber ich würde es auch wollen. Es ist wichtig. Und es macht frei. Nicht unverwundbar, aber frei! Wenn ich da abwäge, würde ich mich immer für die Freiheit entscheiden. Zumindest hier in diesem Land. In anderen Ländern bedeutet es Gefängnis, Unterdrückung, Folter… Ugandas Präsident Mugabe hat seinen Wahlkampf damit angefeuert, Schwule künftig köpfen zu lassen. Gut – da würde ich mich wohl dann anders entscheiden. Aber ich würde mich irgend jemandem anvertrauen müssen. Anders ginge es nicht. Und ich bin nicht gläubig! Das erleichtert vieles. Wenn du das Pech hast, und du bis Schwul und gleichzeitig katholisch oder Muslime, oder was weiß ich, dann befindest du dich in einem Dilemma. Mittelalter trifft auf Hirn und Herz. Das ist meist nicht witzig.

Mahrenholz:
Vielen Dank für das Gespräch!

Jobst:
Gern doch!

Veröffentlicht unter Allgemein

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