Coming-out in der Familie und im Umfeld

­­­­Mein Name ist Sarah-Luise (Jg. 1983), ich bin Religionspädagogin und Mitfrau vom Netzwerk Labrystheia für lesbische Theologinnen und theologisch interessierte Lesben.

 

Erstes Outing in der Familie

Als ich mich bei meinen Eltern und in meiner Familie geoutet habe, habe ich es Schritt für Schritt gemacht. Mein Mut reichte nicht aus, um es allen auf einmal zu sagen. Zu viele Gedanken waren in meinem Kopf, wie die einzelnen Mitglieder meiner Familie reagieren könnten. Meine Freundinnen wussten es bereits, sie ließen mich wissen, dass sie auf mein Outung nur noch warteten. – Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass sie das vorher gesagt hätten, vielleicht hätte ich Zeit gewinnen können ;-)   – Bei meinen Freundinnen fiel es mir leicht, aber bei meiner Familie fiel es mir sehr schwer.

Den ersten Schritt wagte ich mit 21, in dem Sommer 2004 als Elli (die bisexuelle Rockröhre) überall über die Mattscheibe flimmerte. Sie brachte das Thema Homosexualität auf, dass meine Tante und Mutter „darüber“ sprachen, doch weniger ernst als ich es mir gewünscht hätte. Im Geheimen wünschte ich mir eine Positionierung zur Homosexualität, ohne dass ich mich in das Gespräch einschalten musste. Ich hörte nur zu. Diese Positionierung erhielt ich von meiner Tante, von der ich mir dann wünschte, dass sie einfach geschwiegen hätte. Meine Mutter hörte auch nur zu, bezog keine Position und äußerte sich eher neutralisierend. Nach dem Statement meiner Tante war ich über die Reaktion meiner Mutter erfreut. Mir schnürte sich der Magen zu, ich fühlte mich unwohl und angeriffen.

Ich bat meine Mutter später zum Gespräch und sagte ihr, dass ich mich in eine Frau verliebt habe. Mir liefen die Tränen vor Angst über die Wangen, weil ich nicht einschätzen konnte, welche Antwort wohl kommen mochte.

Sie zögerte, die Minuten und Sekunden dehnten sich wie Gummiband und ich ersehnte eine Antwort.

Sie schaute mich fragend an und erbat eine Antwort, was ich denn nun hören wolle!

Ich schluckte und konnte nicht erwidern, sie schien zu hören, was ich wünschte, ohne dass ich sprach. „Glaubst du, dass ich dich jetzt nicht mehr lieben würde? Dass du nicht mehr meine Tochter bist? Keine Tür verschließt sich, du bist und bleibst meine Tochter“, das waren ihre Worte.

 

Folgende Outings in der Familie und im Umfeld

Die oben erwähnte Tante ist jünger als meine Mutter, doch meine Mutter hat die Reaktion erbracht, die ich eher von meiner Tante erwartet hätte. Mamas ältere Schwester hingegen freute sich, war sehr aufgeschlossen und nahm mich ab dem Zeitpunkt immer zu ihren FrauenLesbenVeranstaltungen mit, die sie aus femininistischer Grundüberzeugung als Hetera besucht. Die stolze feministische Tante mit ihrer lebischen Nichte: Das war manchmal ein verrücktes Gespann. Schließlich hatten auch manchmal Lesben Interesse an meiner Tante und ich wurde vermittelnd eingeschaltet. Leider konnte ich immer nur die schlechte Nachricht überbringen, dass sie hetero sei und es waren wirklich tolle Frauen dabei!! Eine Schande! – Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich den Schritt gewagt habe, den meine Tante nie zu gehen gewagt hat.

Hier kann ich also die Generationen und Frauengeschichten aus meiner eigenen Familie anführen, bei der die älteste Frau den Lesben am nächsten steht und die jüngste sich seit meinem Outing in Vermeidungsstratgien und Schweigetaktiken flüchtet.

Meine Mutter macht sich als Mutter einer lesbischen Tochter sehr gut, darüber bin ich sehr glücklich. Sie ist dabei, sie ist z.B. in den bundesweiten christlichen Lesbennetzwerken (Lesben und Kirche, Labrystheia, Netzwerk katholischer Lesben, Maria und Martha) bekannt und gehört seit dem Ökumenischen Kirchentag in München zu den Vorzeigemüttern von lebischen Töchtern, da sie eine von drei Müttern war, die mit ihren Töchtern zusammen auf dem Kirchentag waren und auch vor Lesben-Veranstaltungen kein Halt machte. -  Auf meiner ersten bundesweiten Lesbentagung an der Evangelischen Akademie Bad Boll Tagung wollte die Leitung des runden Tisches, die meine Mutter in München auch kennen gelernt hatte, dass ich meine Mutter-Tochter-Geschichte vom Ökumenischen Kirchentag beim Runden Tisch erzähle. Sie leitet es ein, indem sie sagte, dass die nächste Generation „Junge Lesben“ von ihren Erfahrungen und Erfolgsgeschichten erzählen solle.

 Meine Mutter macht mich sehr stolz und glücklich, weil sie sich durch ihr Handeln zu einem Teil meines Lebens macht und nicht vor meiner Homosexualität wegläuft. Hierbei spreche ich auch nicht nur von Veranstaltungen, die außerhalb unseres „normalen“ Dunstkreises stattfinden, sondern auch in unserer Stadt, in unserer Gemeinde oder in anderen Zusammenhängen. Meine Partnerin und ich gehören dazu, werden mitgenommen und auch als Paar von meiner Mutter vorgestellt. Darüber hinaus erwähnt sind unsere Mütter seit dem ersten Treffen gute Bekannte für einander geworden und pflegen regelmäßigen Kontakt, auch unabhängig von uns.

Diese Geschichte gibt einen kleinen Einblick in die Ereignisse meines Outings, macht aber auch deutlich, dass nicht verallgemeinernd über die eine oder die andere Generation gesprochen werden kann. Einer jeden Generation und einer jeden Person muss Aufmerksamkeit geschenkt werden, um genau zu schauen, wie die Beweggründe liegen für das eine oder das andere Verhalten.

Veröffentlicht unter Allgemein
Ein Kommentar auf “Coming-out in der Familie und im Umfeld
  1. Grete Heuer-Lauterbach sagt:

    Ich kenne Sarah-Luise und ihre Mutter seit dem Kirchentag in München und freue mich seit dieser Zeit an der jungen dynamischen christlichen Lesbe, die auch uns ältere Lesben mitreißt. Ihre Coming-out Geschichte kannte ich bisher nicht, sie sollte aber anderen Lesben und ihren Müttern Mut machen!

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