Coming-out in Raten

Es ist schon so lange her dass ich mein Herauskommen erleben konnte, dass ich schon etwas kramen muss, um die damaligen Begebenheiten halbwegs auf die Reihe zu bekommen.

Im Grunde habe ich schon früh gemerkt, dass ich irgendwie anders bin, konnte es aber nicht so recht zuordnen. Katholisch erzogen und im katholischen Münster aufgewachsen, war Sex eher ein Unthema. Immerhin machte meine Mutter einen gut gemeinten Versuch, mich und meine jüngere Schwester aufzuklären. Später bekam ich dann noch ein von einem Pater geschriebenes Aufklärungsbüchlein, das aber so viele abstruse Behauptungen über die negative Wirkung der Selbstbefriedigung enthielt, das dies zu einem meiner Gründe der Abwendung von der Kirche wurde. Aber ich kannte noch nicht einmal die Begriffe schwul oder homosexuell. Erst so nach und nach stieß ich hier und da auf Informationen zu diesem Thema. Aber als ich einmal über die Straße lief, ich war vielleicht vierzehn, kam mir ein Pärchen Hand in Hand in Hand entgegen und ich realisierte plötzlich, dass beides Jungen waren. Das löste bei mir einen ungeheuren Schock aus, ich wurde rot und wünschte mir doch gleichzeitig so etwas auch zu erleben. Mit niemanden konnte ich reden und glaubte immer noch, das das nur eine Phase oder eine Unsicherheit wäre. Ich ging auf ein reines Jungen-Gymnasium und hatte außer zu meinen beiden Schwestern, Mutter und Oma kaum Kontakt zu Frauen oder Mädchen. Aber der Drang zum eigenen Geschlecht ließ nicht nach, fand aber auch keine Bestätigung. Nachdem ich die Katholische Kirche hinter mir gelassen hatte, wandte ich mich leider einer maoistischen Kleinpartei zu, die in Sachen Schwulsein nicht besser war als Erstere. Erst nachdem ich während meines Studiums den Studienort von Münster nach Bochum wechselte, kamen die Dinge etwas in Bewegung. Ich begann Kontaktanzeigen zu studieren und am Bochumer Bahnhof fand ich eine, auf die ich antwortete.  Als er mich in meiner Wohnung besuchte, war er weit entfernt, von dem was ich mir erträumt hatte, aber ich wollte unbedingt wissen, wie es war, Sex mit einem Mann zu haben und so ließ ich mich darauf ein, es mit ihm zu treiben. Als er dann wieder gegangen war fand ich das alles nur widerlich und dachte schon, du bist gar nicht schwul. Also probierte ich auch mal Anzeigen von Frauen zu beantworten. Ich traf auch zwei, aber ich merkte schnell, dass das doch wohl nichts für mich war. Eines Tages ging ich mit meiner älteren Schwester ins Kino und sah „The Rocky Horror Picture Show“. Dieser Film löste bei mir eine Menge Gefühle aus und besonders die Figur des Rocky machte mich ungeheuer an. Am Ende des Films konnte ich einfach nicht anders, als mir zu sagen, dass ich einfach schwul sein muss. Als erstes offenbarte ich das schließlich meiner jüngeren Schwester, dann meinem älteren Bruder oder besser seiner damaligen Freundin und danach meiner älteren Schwester und deren Mann. Sie reagierte darauf mit der Bemerkung, ob ich nicht vielleicht nur noch nicht die richtige Frau gefunden hätte und dass sie eigentlich gehofft hätte, dass ich mal Frau und Kinder bekäme. Mein Schwager hingegen sagte: „Wir mögen dich so, wie du bist!“
Schließlich brachte ich es auch fertig, mich einigen Studienkollegen zu offenbaren, in eine Schwulengruppe zu gehen und später folgte sogar ein Engagement in der „Rosa Strippe Bochum“ und später als offen Schwuler bei den Grünen. Auch wenn heute vieles erheblich leichter ist als „zu meiner Zeit“, ich seit fast zehn Jahren mit einem Mann verheiratet bin, gibt es doch immer noch Momente, wo man das Gefühl hat, sich für sein Schwulsein rechtfertigen zu müssen und angesichts der Verhältnisse in Russland oder in Ländern wie dem Iran, Saudi-Arabien und vielen anderen mehr, weiß man, auf was für dünnem Eis wir uns befinden.

Veröffentlicht unter Allgemein

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