Coming-out mit Cookie

Eigentlich hatte ich mein Coming-out schon mit 15 verpasst. Die Dame meines Herzens war nämlich hetero. Nicht ungewöhnlich und durchaus zu bewältigen. Doch mich brachte das angesichts des typischen lesbenlosen Umfeldes und der reißerischen Berichte über den Ihns-Prozess (ein Lesbenpaar, das den seine Frau misshandelnden Ehemann der einen umbrachte oder hatte umbringen lassen) just zu dieser Zeit zu dem Schluss, mich dürfe es eigentlich gar nicht geben.
Also gab es mich in den kommenden sieben Jahren auch nicht mehr. Jedenfalls nicht als das, was ich eigentlich wohl größtenteils bin, nämlich lesbische, also frauenliebende Frau. Ich probierte ein paar Männer aus, meistens im Sommer, wenn die Hormone ihren Höchststand erlebten, konnte mich nie richtig für einen von ihnen erwärmen und verließ sie in schöner Regelmäßigkeit nach drei Monaten, wenn die Hormone im Herbst wieder abnahmen. Oder ich wurde verlassen, beides war im Grunde genauso unschön, denn anschließend war ich wieder allein. Derweil fanden meine Studienbekannten LangzeitbeziehungspartnerInnen und fingen an, an eine Zukunft mit Kind, Kegel und Eigenheim zu denken.
Ich dagegen fing an, mir zu überlegen, ob ich beziehungstechnisch vielleicht doch ein absoluter Zombie, unverträglich oder sonstwie komisch eingehängt sei. Darob und auch noch aus anderen Gründen, die mit dem Coming-out wenig zu tun haben, wurde ich depressiv. Das löste ziemliches Durcheinander und langwierige therapeutische Interventionen aus. Mein lesbischer Wesenskern schlief einen tiefen Dornröschenschlaf, während ich wie ein führerloses Schiff im Winde ziellos durchs Leben eierte.
Inzwischen hatte ich mein fruchtloses Studium an den Nagel gehängt, lernte Fremdsprachen, wechselte den Ort und fing an zu schreiben. Nicht, dass ich vorher Analphabetin gewesen wäre, ich meine literarisch oder was man so nennt. Es entstanden vor Weltschmerz triefende Gedichte, die in der örtlichen Anzeigenpostille ein dankbares Publikum fanden. Das schenkte mir eine gewisse Befriedigung.
Bald schloss ich mich einer Gruppe von Schreiberlingen an, deren Selbstgewissheit in etwa im umgekehrten Verhältnis zu ihrem literarischen Können stand, mit einer Ausnahme, wir wollen sie B. nennen. B. konnte nicht nur schreiben, sondern sah auch noch blendend aus: dunkles, dichtes Haar, dunkle Augen, immer ein Lachen um den schönen Mund. B. sang und malte und schrieb sich ihre Seele vom Leibe. Ich sah ihr dabei zu, verfasste weiter meine Weltschmerzgedichte und hatte sinnentleerte Affären mit diesem und jenem, die oft nur eine, manchmal auch drei Nächte dauerten.
Dann lud B. zum Schreibwochenende in ein Kaff irgendwo auf dem Lande ein, wo ihre Eltern ein Haus besaßen. Die ganze Gruppe würde fahren. Wie das so ist, wenn aufstrebende Jungliteraten irgendwo bei Rotwein und Spaghetti zusammengesperrt werden, entfaltete sich bald allerlei Abenteuerlust. Nachdem das häusliche Schwimmbecken durch nackte Badeorgien entweiht worden war, strebte der ganze Haufen das Volksfest im nahe gelegenen Dorf an.
Trotz meiner sexuellen Abenteuer war ich im Grunde ein harmloser Mensch, was vielleicht erklärt, warum es mir nicht merkwürdig vorkam, dass in diesem Park aus einer geheimnisvollen Blechschachtel heraus genauso geheimnisvoll duftende Kekse für ganze fünf D-Mark angeboten wurden. Ich war der Meinung, ab und zu müsse man sich etwas Gutes gönnen, kaufte und biss herzhaft hinein. Nicht schlecht der Geschmack, fand ich.
Anschließend legte ich mich neben die anderen ins Gras und schlief ein. Und dann, als ich, von B. geschüttelt, erwachte, geschah es: Über mir das schreiende Blau des wolkenlosen Firmaments – noch nie hatte ich ein so intensives Blau gesehen! – in dem ihr Gesicht wie vom Himmel gesandt schwebte. In diesem Moment öffnete sich, wohl vom Inhalt des Kekses stimuliert, mein verstocktes Selbst der Erkenntnis. Ich erkannte mit unabweisbarer Gewissheit, dass ich B. und wahrscheinlich somit alle (oder doch jedenfalls einige) Frauen liebte. Aus B. und mir wurde dann doch nichts –im Übrigen aber ist es bei der Erkenntnis dieses wunderbaren Tages geblieben.
Insofern ist es nicht übertrieben zu sagen, dass ich meine sexuelle Identität (ich weiß, so was gibt es eigentlich gar nicht, liebe LGBTIs) dem Wirken einer talentierten Spezialitätenbäckerin und ihren Cookies verdanke. Dieser Unbekannten sende ich hiermit ein tief empfundenes Dankeschön!

Veröffentlicht unter Allgemein

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