Die Geschichte meines Lebens (Auszug)

Kindheit und Jugend

Angefangen hat mein Leben am Sonntag, den 15. Januar 1956 um 6:35 Uhr im Rotkreuzkrankenhaus in München. –  Es war ein eiskalter klarer Tag. Die Geburt verlief komplikationslos. Ich war 53 Zentimeter groß, wog 3400 g und der Kopfumfang maß 34 Zentimeter. Meine Mutter war selbst fast noch ein Kind mit 19 Jahren. Dünn und groß und alleine von ihrer Mutter aufgezogen, da ihr Vater 1939 an Lungenembolie gestorben ist. Sie war gerade mal 2 ½ Jahre alt. So hatte meine Großmutter, ihre Mutter alleinige Erziehungsgewaltund das prägt. Ich denke, auch der Zweite Weltkrieg hat dazu beigetragen.

Aber nicht in dem Maße, dass körperlicher und materieller Schaden aufgetaucht wäre. Meine Mutter schwärmt immer von ihrer schönen und unbeschwerten Kindheit.Wir wohnten in einer kleinen Zweizimmerwohnung, an die ich mich noch gut erinnern kann. Die Toilette war eine Gemeinschaftstoilette für vier Parteien und gewaschen hat man sich in Wannen. Das Wasser dafür wurde in der Küche heißgemacht. Dort dominierte der Kohleherd. Die Wäsche wurde in der Waschküche über den Hof gewaschen. Schlafen mussten wir zu viert in einem Zimmer.

Intimsphäre gab es überhaupt keine. Omi führte das Regiment, bestimmte, was wann gegessen wurde und wie viel Geld ausgegeben werden durfte, damals war man übrigens sehr sparsam. Da ich von Geburt an eine Krankheit mitbekommen habe, hatte ich es schwerer wie andere Kinder. Laut Kinderärztin durfte ich kein Schweinefleisch essen, nicht zu viele Eier und keine Schokolade. Das alles rührte daher, dass meine Bauchspeicheldrüse den Blutzucker zu rasch im Urin abführte und in meinem Körper Zuckermangel entstand. Oft musste ich Speien bis zur Galle und ich wurde mit Cola, in dem viel Zucker verrührt war, dass der Löffel steckte, hochgepäppelt. Zweimal gingen meine Eltern mit mir auf Walfahrt nach Altötting, da ich dem Sensenmann grade noch Ade gesagt hatte. Omi und ich besuchten meine Mutter oft im Frisiersalon und da
renommierte sie mit mir, was ich für ein süßes Mädchen sei und schon so groß für mein Alter.

Allerdings hat mich mehr meine Großmutter aufgezogen und bemuttert. Meine Mutter hatte eine abgeschlossene Ausbildung als Friseuse. Sie stand von Früh bis Spät im Laden und kam abends erschöpft nach Hause. Da war sie froh, dass sie die Kindererziehung nicht auch noch machen musste. Dafür blieb der Sonntag. Omi hatte auch bestimmt, dass meine Mutter den Mann heiratet, den sie ausgesucht hatte und nicht den Kindsvater. So war ich bis zu meinem ersten Lebensjahr ein lediges Kind. Das muss man sich zur damaligen Zeit vorstellen. So nahm mich der Ehemann von Mama, an Kindes statt an und adoptierte mich. Das erfuhr ich erst kurz vor meiner Hochzeit. Ich kenne keinen anderen Vater und dieser ist und bleibt mein Vater.

Die drei Generationen unter einem Dach brachten meinen Adoptivvater den Alkohol nahe, da viele Unstimmigkeiten und Streitereien daraus hervorgingen. Omi bestand immer auf ihr Recht und war auch sehr rechthaberisch. Alles musste nach ihrer Pfeife tanzen. Mein Vater gab fast immer nach, griff immer öfters zum Bier am Stammtisch, kam alkoholisiert nach Hause und da machte ich einige unschöne Erfahrungen. Aber der Reihe nach.

Die Zeit im Kindergarten ging ziemlich an mir vorbei, obwohl sie unbeschwert und schön war, laut den Erzählungen der anderen. Nach dem Umzug in eine Vierzimmerwohnung, kam ich in die Grundschule. Omi brachte und holte mich täglich ab. Das war anstrengend und erzog mich nicht gerade zur Selbstständigkeit. In diesem Zeitraum der ersten Klassen merkte ich, dass ich anders war als die anderen Kinder. Zuhause machte ich mal eine Bemerkung, dass ich gerne ein Junge sein würde. Meine Mutter lachte mich zuerst aus, versohlte mir den Hintern und sperrte mich dann in das Schlafzimmer, dass ich über mich nachdenken sollte. Da war ich fast sechs Jahre alt. Hätte sie die Bemerkung ernst genommen, wäre vielleicht alles anders gekommen. Ich verdrängte meine Gedanken doch mit meiner Mutter zu reden und spielte heimlich den Jungen. Meine Mutter erfuhr nie wieder, wie es um mich stand.

Ich spielte immer bei den Jungs mit, die mich als ihresgleichen ansahen und fühlte mich sehr wohl dabei. Die Jungs akzeptierten mich von Anfang an, denn in den ersten Jahren waren meine Haare kurz. Erst beim Übertritt in die Hauptschule hatte ich längere Haare, von meiner Mutter so bestimmt, und ich konnte mich von den Mädels nicht mehr abgrenzen. Bei Streichen und Raufereien war ich immer dabei mitten unter den Jungs. Und ich spielte liebend gern Fußball. Omi brachte mich immer noch in die Schule und holte mich mittags wieder ab. Ich schämte mich dafür und alles Bitten und Flehen half nichts, ich wurde begleitet. Wir einigten uns auf die Hälfte Weg, Gott sei Dank. Es war nämlich peinlich, wie ein gutbehütetes Mamakind behandelt und dadurch gehänselt zu werden. Das gab oft Streit mit den großen Jungs und ich geriet öfters in Raufereien. Oft ging ich solchen Konfrontationen einfach aus dem Weg, in dem ich mich in mein Schneckenhaus zurückzog und daran dachte, wie es wäre, ein Junge zu sein.

Zur Aufklärung trug meine Mutter nur so viel bei, dass sie mir ein Päckchen Binden gab und ich von jetzt an Kalender führen sollte, da die Periode alle vier Wochen käme, basta. Da die Pubertät sehr früh begann, mit 10 ½ Jahren, war ich froh, dass meine Brüste klein blieben.

Am liebsten lief ich in Hosen rum. Omi meckerte immer, ich sei ein Hosenmatz, aber ich fühlte mich so am Wohlsten. Vor allem hatte ich starken Haarwuchs an den Beinen. Mein Gewicht stimmte immer, da ich dank einer Schilddrüsenüberfunktion so viel essen konnte, wie ich wollte. So blieb ich schlank und sehr beweglich. Meine Beine waren allerdings die eines Jungen, behaart und gut trainiert. Mit dreizehn Jahren hatte ich die Größe von eins siebzig erreicht und war damit die größte Bohnenstange der Klasse. In dieser Zeit wurden meine Haare von meiner Mutter direkt gezüchtet. Mit 14 Jahren waren sie einen Meter lang.

Und es reichte. Ein Angebot von einem Friseur, eine jugendliche Frisur zu machen und das mit einer Bildreportage für eine Zeitung festzuhalten, ergriff ich sofort. Runter mit der Haarpracht. Endlich fühlte ich mich frei. Von da an hatte ich ein Wörtchen mitzureden bei meinen Frisuren. Auch bei der Kleidung redete ich schon länger mit. Ein Rock kam mir zwar in den Schrank, ich zog aber nur unter Zwang und wenn es unbedingt sein musste einen an. Wenn ich als Mädchen auftreten musste, fühlte ich mich total unsicher und kroch in mich zusammen, wie eine Maus in ihr Loch. Sobald ich wieder zu Hause war, entledigte ich mich der Mädchenkleider und schlüpfte in Hosen.

Da war die Welt wieder in Ordnung. Ich trumpfte auf und ließ mir nicht alles gefallen, was meine Mutter mit mir vorhatte. Dadurch holte ich mir manche Schläge ein. Ich bin oft geschlagen worden. Aber ich steckte es ganz gut weg, denn ein Indianer kennt keinen Schmerz, sagte meine Tante immer. Meine Stimme hatte sich entwickelt. Ich sang im Schulchor als Bariton mit. Das war toll. Beim Rollenspiel in der Schule und beim Theaterspielen übernahm ich die Männer. Lehrer sahen mein schauspielerisches Talent, das ich bestimmt von meinem Opa geerbt hatte, der war Karikaturist, Sänger und Schauspieler gewesen. Es fiel keinem auf, dass ich mich in der Männerrolle am liebsten aufhielt. So gut konnte ich das vertuschen. Und ich musste es vertuschen, da mich meine Mutter sonst erschlagen hätte. Auch heute noch.

Mein Vater erfreute sich mittlerweile immer mehr am Alkohol. Er hatte ein Problem damit. Fast jeden Abend kam er später heim und war stark angetrunken bis berauscht. Er war entweder sehr müde, dass er im Fernsehsessel schlief oder er war richtig aggressiv und fing das Randalieren an. Omi gab immer Contra und so ergaben sich große Streitereien. Meistens war das Geld Thema Nummer eins. Als wir vom dritten in den vierten Stock zogen, die Wohnung war um ein Zimmer größer, legte sich das Alkoholproblem etwas. Mein Vater war nicht mehr so oft zugesoffen. Er hielt sich aber aus allem raus, vor allem aus der Kindererziehung.

Nun hatte ich ein eigenes kleines Zimmer, in dem ich allerdings nicht schlief. Geschlafen wurde nach wie vor bei Omi im Zimmer. Des Öfteren kam meine Tante zu Besuch, die schlief dann ebenfalls mit im Zimmer. Das störte mich sehr. Für mich war Omi eine alte Frau, die oft schnarchte und in der Nacht herumstöberte. Außerdem fühlte ich mich immer beobachtet. Konnte nie im Bett lesen oder meinen Körper erforschen, wie das andere Mädchen und Jungs in dem Alter taten.

Wir tuschelten oft über dieses Thema im Pausenhof und ich stand daneben und konnte nicht mitreden. Meine Schulfreundin war ein nettes Mädchen, die nicht verstanden hätte, dass ich anders war als andere Mädchen. Ich fühlte mich zu ihr hingezogen und umgarnte sie, wie ein Pennäler. Sie veralberte mich immer und nahm mich nie ernst. Unsere Wege trennten sich, als wir beide in verschiedene Schulen gingen. Da war ich eigentlich recht froh darüber. Ich kam zu den Englischen Fräulein nach Nymphenburg. Dort fühlte ich mich anfangs sehr Fehl am Platz. Bald merkte ich aber, dass es interessant war, den Mädels nachzusehen, ohne dass ich entdeckt wurde. Es waren immerhin vier Jahre, die ich in diese Schule ging. Wir spielten mit den Schwestern Fußball und machten richtige Leichtathletik. Das machte Spaß und ich konnte mich austoben. Im Chor sang ich in der Tenorstimme mit und wurde von den anderen immer etwas schief beäugt. Ich erklärte ihnen, dass das von meinem zu schnellen Längenwachstum gekommen wäre und sie waren zufrieden. Ich war immer noch die größte Schülerin der Klasse. In den Pausen spielten wir Raumschiff Enterprise und ich ergriff die Rolle des Mister Spock. Diese Rolle spielte ich perfekt und die anderen akzeptierten das ohne
weiteres. Kurze Haare waren daher wieder angesagt und standen mir sehr gut. Manche bezeichneten mich als sehr maskulin, andere sagten Mannweib zu mir. Das störte mich keineswegs. Die Nähe der Mädels tat mir gut. Ich baggerte so manches Mädchen an, aber die waren meistens lesbisch und daran hatte ich kein Interesse. Ich schminkte mich nicht und versteckte meinen Oberkörper in weiten Pullis. Durch die nach vorne geneigte Haltung um den Busen zu kaschieren, hatte ich manchmal Kreuzschmerzen und die Schulterpartie verspannte sich.

Noch einmal zogen wir in eine andere Wohnung. Es war ebenfalls eine Vierzimmerwohnung und lag direkt an einer Hauptstraßenkreuzung. In dieser Wohnung gab es ein kleines Zimmer in dem ein Bett Platz hatte. Ich habe lange gekämpft, fast ein Jahr, bis ich mein Bett darin aufstellen durfte. So war ich beinahe siebzehn, als ich mein erstes eigenes Reich hatte.

Wenn eine Faschingsfeier angesagt war, wollte ich unbedingt als Mann unterwegs sein. Dabei unterstützte mich meine Mutter sogar, ohne zu wissen, worum es mir ging. Sie schminkte mich und klebte mir falsche Bärte an. Ich fühlte mich in diesen Zeiten fantastisch. Obwohl keiner merkte, dass ich mit Jungs nichts anfangen konnte. Ich möchte betonen, ich war und bin nicht lesbisch.
Eine Schulkameradin hatte gemeint, sie könne mein Anderssein für eine Beziehung ausnützen. Sie war lesbisch und baggerte mich voll an, aber ich reagierte nicht. Ich wollte ein Mann sein und als solcher akzeptiert werden. Meine Mutter unterdrückte das in jeder Beziehung, obwohl sie nicht wusste, wie es um mich stand. Sie lebte und lebt nach vorbestimmtem Muster und Schemen und weicht kein bisschen davon ab. Für sie würde eine Welt zusammenbrechen, wenn sie wüsste, wie es um mich steht. Ich musste Kleider anziehen, in denen ich mich nicht wohl fühlte, musste Frisuren tragen, mit denen ich mich äußerst unwohl fühlte. Dauerwellen und Locken und teilweise Hochsteckfrisuren, wenn es die Haarlänge zuließ. Es hieß immer, ich sei ein hübsches Mädchen und man benimmt sich ordentlich, läuft nicht in Hosen rum und gebe sich nicht immer mit Jungs ab und mache sich nicht schmutzig.

Auch bei der späteren Hochzeit wurde ich von meiner Mutter regelrecht verplant, was Haartracht und Kleidung anbelangte. Sie sagte, sie hätte gewusst, wie ich als Braut aussähe, als ich noch ein kleines Kind war. Ihre Vorstellungskraft ist manchmal enorm. Der männliche Teil in mir wurde regelrecht unterdrückt. Ich benutzte meinen „Schalter“, legte die Männerklamotten ab und verwandelte mich in ein braves schüchternes Mädchen. Einen Tanzkurs durfte ich besuchen. Das machte sogar Spaß. Und in dieser Zeit lernte ich einen jungen Mann kennen, der Gefühle in mir weckte, die ich noch nie erlebt hatte. Mittlerweile war ich achtzehn Jahre alt. Meine Mutter war ganz froh, dass ich noch keinen Freund hatte. Ihr wäre sowieso keiner recht gewesen. Ich durfte nie länger wegbleiben, bis spätestens neun Uhr abends. Kam ich nur fünf Minuten später, handelte ich mir eine Ohrfeige ein. Mit Backpfeifen und Schlägen war meine Mutter immer sehr schnell. Die Brille brach dabei sogar mal entzwei.

Erwachsen werden und Familie

Der erste Tanzpartner war ein netter junger Bursche, der mir gefiel. Er war zuvorkommend und gut erzogen. Ich sah ihn als wirklichen Partner. Tanzen und Bewegung zur Musik hatten mir schon immer Freude gemacht. Sicher, ich musste bei Auftritten und Turnieren Kleider anziehen, aber nur für ein paar Stunden. Dann war das wieder vergessen. Beim Training trug ich natürlich Hosen. Da war der Schalter wieder im Einsatz.

Nach dem Verschleiß von drei Tanzpartnern, sprang ein junger Mann ein, dessen Tanzpartnerin verhindert war. So lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Ich versuchte mit aller Gewalt mein Anderssein in die hinterste Ecke zu drängen. Eine gewisse Zeit gelang das auch, denn wir liebten uns wirklich.

Als ich 21 war heirateten wir, hatten eine schöne Wohnung und machten den Motorradführerschein miteinander. Ich war selig, denn so eine Sportart war damals eine fast reine Männersache. Ich konnte bei Männern mithalten. Meine Mutter hielt uns für verrückt, mich sowieso, aber das war mir so ziemlich egal.

Die Lederklamotten und unter Männern zu sein, erfüllte mich mit Stolz. Sie akzeptierten mich auch als Kumpel und nicht als Frau. Viele Fahrten nach Österreich und durchs Alpenland unternahmen wir im Auftrag von Motorradreisen. Mein Mann agierte da als Reiseleiter. Dann wurde ich schwanger und das Motorrad wurde in die Ecke gestellt. Zumindest solange, bis der Kleine von Omi oder Oma beaufsichtigt werden konnte, ohne dass ich mir Sorgen machen musste. Danach unternahmen wir wieder gemeinsame Touren. Das Motorradfahren war für mich ein schönes Erlebnis. Man sitzt auf der Maschine, meistens allein, und kann seinen Gedanken nachhängen. Da war ich ganzer Kerl. Vor allen Dingen wurde ich von den Reiseteilnehmern des Öfteren mit Herr Fischer angesprochen, bis mein Mann das Missverständnis aufklärte. Da war ich immer kurz davor, ihm Bescheid zu sagen, aber ich wollte nicht diese Partnerschaft aufs Spiel setzen, denn eine wirkliche Partnerschaft war es. Wir teilten uns die Arbeit im Haushalt. Er kann sogar bessere Kuchen backen als ich und beim Staubsaugen ist er große Klasse. Auch näht er selbst Knöpfe an und bügelt sich seine Hemden selbst.

In unserem Wohnort, einem 1100 Seelen Ort, gab es zu Fasching viele Bälle. Unter anderem auch Weiberfasching. Das war riesig. Einmal als Charlie Chaplin, das andere Mal als Spanier oder als Zwerg verkleidet, kam mein Innerstes wieder zum Vorschein. Ich legte meinen Schalter um und der Mann kam zum Vorschein. Mehrere Male glaubten die Leute an der Kasse nicht, dass ich ein weibliches Wesen war und musste mich fast ausziehen. So gut hatte ich mich in die Männerrolle eingefunden. Mein Schalter funktionierte perfekt.

Mein Mann hat es immer verstanden, die Frau aus mir rauszuholen, den Schalter wieder umzulegen. Ein zweites Mal wurde ich schwanger und einm kleines Mädchen kam auf die Welt.

Mein Mann ließ sich in der Zeit, als das Mädchen noch ein Säugling, war zum Lehrer ausbilden. Das hatte zur Folge, dass wir den Wohnort wechselten und uns einen neuen Bekanntenkreis aufbauten. Die Nachbarn nahmen uns sehr nett auf. Am Ort gab es ein Akkordeonorchester in das mein Mann eintrat. Ich hatte mit den Kindern eine Aufgabe, aber die reichte mir nicht und so suchte ich mir eine Arbeit in meinem Beruf als KFO Fachkraft. Ich fand einen Job ganz in der Nähe unseres Wohnortes. Da arbeitete ich fünf Jahre. Meine Männlichkeit kam immer mehr zum Vorschein. Aber die Leute mit denen ich umging, störte das nicht. Nach fast zwei Jahren Arbeitslosigkeit fand ich in der Hauptstadt eine Arbeitsstelle. Nette Kollegen und ein netter Chef nahmen mich auf, wie ich mich gab. Nach einem halben Jahr bekam ich Schwierigkeiten mit der Gebärmutter. Ich hatte meine Periode fast immer zwei Wochen lang und das sehr stark. Das nervte mich schon lange, war meistens krank und sehr unpässlich und konnte mich zu nichts aufraffen in dieser Zeit.

Bauchschmerzen und Migräneanfälle begleiteten mich mein Leben lang. Damit war jetzt Schluss. Ich ging zum Frauenarzt und der nahm sie mir raus. Die Eileiter sind schon seit einigen Jahren durchtrennt, da ich kein weiteres Kind wollte. Mein Mann ebenfalls. Oh, war ich glücklich, diese Sache endlich los zu sein. Jetzt war ich noch männlicher. Meine Kleidung passte ich an, kaufte nur Herrenhemden und Männerjeans waren sowieso angesagt. Die Haare wurden zu einem richtigen Männerhaarschnitt. Rasieren muss ich mich ebenfalls, zwar nicht täglich aber immerhin sehr oft, sonst hätte ich einen ganz schönen Kinnbart. Bei Auftritten mit dem Orchester lief ich immer mit Fliege und ganz in Schwarz gekleidet, das störte die anderen nicht. Auch im Chor, bei dem ich im Tenor singe, werde ich so angenommen. Ich habe sogar eine rote Krawatte. Das stört keinen. Sie sagen, ich sähe gut aus, und das bestätigt mich. Langsam entglitt mir der Schalter, aber ich wollte es.

Mein Mann ahnte von meinem Problem überhaupt nichts. Er wollte zwar öfters mit mir schlafen, aber das konnte ich meistens abwenden. Wie sollte ich reagieren? Als Mann? Oder als Frau, das immer schwieriger wurde. Besser ich blockte das von vornherein ab. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen dabei, aber sollte ich alles aufs Spiel setzen? Familie, Kinder, Arbeit und Bekannte? Lieber lebe ich mit ihm, wie mit einem großen Bruder zusammen. Jeder hat seine Aufgaben und ich denke, jeder wird mit seiner Situation gut fertig.

Am Ort wurde ich in eine Gruppe Frauen aufgenommen, die gerne erzählten, strickten und Eis essen gingen. Diese Frauen haben ihre Runde schon seit zwanzig Jahren und es sind ein paar Ehefrauen der Akkordeonmänner. Da fühlte ich mich richtig wohl, so mit meinem Geheimnis unter Frauen. Seit zehn Jahren schon traf ich die Damen regelmäßig jeden zweiten Mittwoch im Monat. Eine gefiel mir besonders gut und ich machte ihr nach längerer Zeit Avancen. Wir gingen auf einen Weiberfaschingsball und ich verguckte mich in sie. Der Schalter in mir war gekippt und ich wollte ihn nicht mehr zurückstellen. Es war ein herrliches Gefühl, als Mann aufzutreten. Ich hörte nicht auf, zu Baggern und sie sprang auf mich an, als ich ihr mein Problem erklärte. Bei ihr entwickelten sich langsam Gefühle, sie sah mich voll als Mann. Ihr eifersüchtiger Mann machte dem Ganzen den Garaus und verbot ihr, mit mir zusammen zu sein. Mein Mann reagierte auf meine Offenbarung ziemlich gelassen. Wir gehen mit dem Problem auch ganz anders um, haben uns nicht angeschrien oder gezankt. Wir reden wieder öfters miteinander, was wir schon lange nicht mehr taten und wollen uns gegenseitig helfen. Wir wollen auf alle Fälle zusammenbleiben, auch wenn meine Veränderung immer mehr fortschreitet. Der Schalter ist für immer umgelegt und wird es auch bleiben. Ich fühle mich so gut. Jetzt heißt es warten auf das, was da alles so auf mich zukommt.

Die Affäre habe ich beendet und für immer zur Seite gestellt. Heimlichkeiten und Lügen bringen auf Dauer nichts. Man macht sich nur kaputt damit.

Veröffentlicht unter Allgemein

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