Hallo, wie geht’s? Ach übrigens, ich habe nun einen festen Freund!

Die kurzfristige Planung und Durchführung meines Coming Outs war kurz und schmerzlos, wenn auch nicht weniger aufregend für mich. Der Weg dahin war allerdings etwas länger, als es heute in Deutschland vielleicht allgemein üblich sein mag. Ich bin scheinbar eher die Person, bei der es alle anderen schon vorher wussten. Diese Tatsache und viele Kommentare meiner Umwelt haben es mir aber im Gegensatz dazu nicht unbedingt einfacher gemacht. Klar, mein Hobby war das Tanzen, ich habe mit Puppen gespielt, als ich klein war, und hatte offensichtlich in der Schule immer mehr Freundinnen als Kumpel. Ist man deshalb denn gleich schwul? Wahrscheinlich schon.

Ich bin in einer größeren Stadt im Ruhrgebiet aufgewachsen. Im Pott, wie man bei uns so schön sagt, habe ich grob gerundet die ersten zwei Jahrzehnte meines Lebens verbracht. Da meine Eltern viel arbeiten mussten und wollten, war ich oft bei meinen Großeltern. Prinzipiell haben sich dadurch zwei unterschiedliche Bereiche in meinem Leben herausgebildet: Das war einerseits die Zeit im Kindergarten und der Schule in der näheren Umgebung meiner Großeltern und andererseits die Zeit in und um meinem Elternhaus mit den dortigen Nachbarskindern. Durch die einzelnen Stufen des Kindergartens und der unterschiedlichen Schulformen hatte sich ein Mädchen als ständige Begleiterin im Bereich meiner Großeltern herausgestellt. Mit ihr und ihren engen Freundinnen haben wir eher Mädchenkram gemacht, Puppen gespielt und auch viel mehr geredet. Zu Hause bei meinen Eltern hatte ich einen Raufbold als Kumpel, und wir haben wirklich nur Blödsinn im Kopf gehabt, sind durch Wald und Wiese getobt und mussten uns oft verstecken, um nicht erwischt zu werden.

Soweit handelte es sich also schon einmal um eine eher geschlechtsunspezifische Prägung durch zwei unterschiedliche, aber komplementäre Einflüsse. Auch die Tatsache, dass ich mit diesem Raufbold im Zuge der kindlichen Neugier öfter intim geworden bin, scheint mir nach allem, was ich von anderen gehört habe, auch für heterosexuelle Männer nicht untypisch zu sein. Man zeigt sich, was man hat und was man damit machen kann. Solche Begebenheiten sind mit den Mädchen auch eher subtiler abgelaufen. Aber es war schon so einiges los im Pott damals.
Meine sexuelle Neugier im Kindesalter war aber soweit ich zurückdenken kann, keine belastende Eigenschaft. Erst im Zuge meiner Pubertät wurde es anstrengend in meinem Leben. Das hobbymäßige Paartanzen und die vielen Freundinnen, mit denen ich als einziger Junge den Schulwechsel auf eine weiterführende Schule geschafft hatte, ließen mich offensichtlich für die anderen neuen Schüler, mit denen wir vermischt worden sind, suspekt erscheinen. Die Angst der anderen Jungen, ich würde die Mädchen mit delikaten Details aus den Umkleiden versorgen, schob mich in eine Außenseiterposition und alles entwickelte sich danach wie in einem Teufelskreis. Ich hatte Freundinnen auf der Schule, aber keine Freunde.

Warum sollte man dann auch weibliche Freunde opfern um mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit neue Kumpel zu finden? Nein, die Strukturen waren verhärtet, die Hänseleinen programmiert. Zudem kam meine unvorteilhafte körperliche Entwicklung: Ich war frühreif, war schneller „größer“ als alle anderen Jungen (vielleicht hatte ich mir das von den Mädchen abgeguckt) und dadurch aber auch besonders schlaksig. Mein unmodischer Kleidungsstil und eine eigentümliche Sprachmelodie rundeten das Bild perfekt ab: Ich musste einfach schwul sein, und das wurde mir stets und ständig im Unterricht, in den Pausen, einfach überall attestiert.

Die Diskrepanz meines eigenen Selbstbildes und das meiner Umwelt ließen mich sehr früh sehr nachdenklich werden; ja, und genau das war anstrengend. Ich habe mir überlegt, ob ich ok bin oder nicht, ob ich wirklich auf Männer stehe oder nicht, wie ich mich anderen gegenüber verhalten muss, damit ich als normal durchgehe, und wie ich es allen anderen recht machen kann. Das war in einem Alter, in dem andere vielleicht noch nicht einmal wussten, dass es die Möglichkeit der Masturbation gibt. Und in solch einem Alter musste ich stets in jeder Situation versuchen mich nicht zu verraten. Ich mochte die Idee nicht, dass jemand meinte, er wüsste wer ich bin, nur weil er eine Ahnung von meiner andersartigen Sexualität hätte und sich deshalb mir gegenüber überlegen fühlte.

Als ich 15 Jahre alt war klingelte einmal das Telefon. Ich hatte gerade eine Freundin zu Besuch, aber das Mädel am anderen Ende der Leitung schien irgendwie interessanter und vor allem an mir interessiert zu sein. Was für ein Zufall. Wir telefonierten etwas länger und verabredeten uns. Im Nachhinein muss ich schmunzeln, denn mein Besuch saß gelangweilt daneben. Kurz und bündig: Ich war 15 und es musste sein – mein erster Sex mit einer Frau. Wir trafen uns öfter, redeten, ich lernte ihre Freundinnen kennen und dann war es endlich so weit: Sex mit allem, was dazu gehört. Aber von meiner Seite aus war das Geschehen dann doch eher zu schnell für die gute Mitstreiterin. Dieses erste Mal war eher verkrampft und unangenehm. Auf der Schule hatte ich dann auch noch eine feste Freundin, aber es ging nie ans Eingemachte. Ich fand sie einfach nicht geil, sondern bewunderte sie viel mehr. Diese Beziehung war auch zum Scheitern verurteilt.

Mein Durchbruch kam dann erst mit dem nötigen Abstand von zu Hause, sowohl vom Eltern- als auch vom Großelternhaus. In der Studienzeit musste ich einfach ans andere Ufer schwimmen und was half mir dabei? Der Steuerknüppel eines wesentlich älteren Mannes. Im Nachhinein betrachtet glaube ich, dass ich einfach wissen wollte, wie das Leben mit einem Mann ist, und vor allem auch meine ach so schlaue Umwelt einmal auf die Probe stellen wollte. Diese Beziehung hielt ungefähr zwei Jahre lang, und ich kann nicht sagen, dass es sich von einem Leben mit einer Frau großartig unterschieden hätte. Ich habe die gleichen Wünsche und Ansprüche sowohl dem einen als auch dem anderen Geschlecht gegenüber mitgebracht. Natürlich gibt es alleine schon körperlich eindeutige Unterschiede, und so hat mich die Faszination, die gerade das “Mehr” beim Mann ausmacht, letztendlich eingefangen. Zurückblickend muss ich aber schreiben, dass ich mich in jeder Beziehung, sei es mit einem Mann oder einer Frau oder wieder mit einem Mann oder wieder einer Frau, anders verhalten habe.

Ich denke generell definiert die Interaktion zwischen zwei Menschen die Verhaltensweisen der beiden einzelnen Liebenden. Ich habe mich also in jeder Beziehung immer ein wenig anders verhalten und meine Beziehungen waren immer dann glücklich, wenn ich mich in der Beziehung so verhalten und fühlen konnte, wie ich mich selbst gesehen und definiert habe.
Lange Rede kurzer Sinn! Meine erste Beziehung mit einem Mann war für mich der Auslöser mich vor meiner Familie zu outen. Ich musste erst die Sicherheit haben, dass auch ich mich mit dem, was alle anderen ja schon immer vorher gewusst haben wollten, identifizieren kann. Sprich ich hätte mich nicht ins Blaue hinein geoutet, wenn ich nicht die Erfahrungen oder die Beziehung sowohl mit einer Frau als auch mit einem Mann durchlebt hätte. Als ich in der Beziehung mit meinem ersten Freund war, sollte das auch meine Familie wissen. Hätte sie ein Problem damit gehabt, wäre es nicht mehr meine Familie gewesen – ganz einfach. Und genau das meinte ich mit dem Auf-die-Probe-Stellen. Zuerst waren meine Eltern dran: Ich wartete darauf sie persönlich in meinen Weihnachtsferien zu sprechen. Es war ein toller Moment: Ein Outing unter dem Weihnachtsbaum. Wir waren zu dritt im Schneeurlaub und ich habe zuerst mit meiner Mutter gesprochen, danach mit meinem Vater. Meine Mutter musste sich erst einmal setzen und meinte sie wäre überrascht gewesen. Erst am nächsten Tag beim Frühstück sagte sie dann, dass sie es ja schon immer wusste, aber nicht wahr haben wollte. Bei meinem Vater war es anders: Da mein Vater schon im Bett lag, als ich es meiner Mutter offenbarte, sind wir dann beide zu ihm ans Bett und ich öffnete mich auf der Bettkante sitzend. Er murmelte nur, dass er das schon gewusst hätte. Mein inneres Aufgeregt-Sein war völlig vergebens.

Am nächsten Tag fuhr ich zu meinen Großeltern. Da ich einen Großteil meiner Jugend bei ihnen verbracht hatte, war es selbstverständlich für mich, ihnen genauso ehrlich gegenüber zu sein wie meinen Eltern und es ihnen persönlich zu sagen. Sie waren sehr gefasst und wir haben nicht viel drüber geredet. Es war für mich ja sowieso unangenehm, und so fragten sie mich nur nach dem Namen meines Freundes, worüber ich mich im Nachhinein immer noch freue. Der Rest der Familie hat es dann über das Telefon erfahren. Zurück in meiner Studienheimat in Bayern rief ich jeden einzelnen meiner Familie an und erzählt es ihnen mehr oder weniger direkt: „Hallo, wie geht’s? Frohe Weihnachten. Ach und übrigens, ich habe nun einen festen Freund!”

Mein heutiger Mann ist zu Hause genauso willkommen wie alle meine festen Freunde und Freundinnen zuvor auch, und wäre es nicht so, wäre ich sehr verletzt. Ich weiß, dass es auch heute in Deutschland noch immer nicht so einfach abläuft, wie es bei mir der Fall war, ganz zu schweigen von anderen Ländern dieser Welt. Aber ich hätte nie die Konfrontation gescheut, und das ist auch das, was ich jedem mit auf dem Weg geben würde: Mach dir dein Leben glücklich!

Veröffentlicht unter Allgemein
0 Kommentare auf “Hallo, wie geht’s? Ach übrigens, ich habe nun einen festen Freund!
1 Pings/Trackbacks für "Hallo, wie geht’s? Ach übrigens, ich habe nun einen festen Freund!"
  1. [...] Coming-Out Geschichte [...]

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>