Ich habe keinen Sohn, der schwul ist!!!

Die Titelaussage meiner Story könnte dem Munde meiner eigenen Mutter entstammen und spiegelt somit ihre unwiderrufliche Meinung zum Thema bis zum heutigen Tage wieder.
Mein Geschichte wird euch zunächst vielleicht wie ein schönes Märchen erscheinen, doch der “böse Wolf ” existiert leider auch hier.

Mein eigenes Coming-out erschütterte zur damaligen Zeit wie ein “Erdbeben” mein unmittelbares soziales Umfeld.
Mit dem “Tsunami” der anschließend auf mich zurückschwappte, hatte ich als Halbwüchsiger leider nicht gerechnet und dieser hätte mich damals im wörtlichsten Sinne fast überrollt.
So gehöre ich zu denen unter uns, die eine große Herausforderung bestehen und meistern musste, um schlussendlich seine Homosexualität leben zu können.

Damals, das waren die späten Achziger und zu jener Zeit war ich 16 Jahre alt. Durch unglückliche Umstände, wohlgemerkt nicht aufgrund Schwererziehbarkeit oder Kriminalität, lebte ich seit frühester Kindheit nicht bei den Eltern sondern im Heim. Hingegen aller gängigen Meinungen hat es jedoch weniger negative als positive Impulse für mein zukünftiges Leben gehabt. Insofern hat es aus mir einen selbstbewussten, weltoffenen und toleranten Menschen gemacht. Allerdings hat auch mir die Fürsorge und Liebe gefehlt, das muss ich schmerzlich eingestehen.

Inzwischen lebte ich in einem Jugendheim zusammen mit 30 anderen Teenies in einer Kleinstadt, ca. 30 km von meinem Geburtsort entfernt. So reduzierte sich der Kontakt zur Familie noch mehr. Zudem war ich hier erstmal fremd und auf mich gestellt.

Was übrigens meine Neigung anbelangt, hatte ich schon mit 9 – 10 Jahren erstmals gemerkt, dass ich anders tickte. Doch erst in den späteren Jahren verdichtete sich meine Ahnung. Allerdings fand ich von Anfang nichts Anrüchiges oder Unnormales daran, dass mein Interesse nicht Mädchen sondern Jungen galt. Mit dem Begriff Homosexualität habe ich das damals in keinem Falle in Verbindung gebracht. Das Wort kannte ich noch gar nicht.

Eines Sommers zog ein gleichaltriger Junge, also auch 16 Jahre alt, ins Jugendheim ein. Ich nenne ihn mal Heiko, ein fürwahr seltsamer Kauz wie ich anfangs empfand. Er wirkte auf mich verschlossen und unnahbar. Hinzu kam sein scheinbar selbstverliebtes und arrogant wirkendes Verhalten, das ihn mir nicht eben sympathischer machte. Das schien wohl auf Gegenseitigkeit zu beruhen, denn rasch wurden wir zu Widersachern, die sich gegenseitig bei jeder Gelegenheit aufzogen und einander gegenüber Anderen schlecht machten. Zu dieser Zeit hatte er bereits eine Freundin, die im gleichen Haus wohnte

Dann, zu Anfang des neuen Schuljahres, ich hatte mir das Bein gebrochen und lag im Krankenhaus, geschah etwas, was alles änderte. Traurig und frustriert wie ich da aufgrund des Mangels an Besuch durch meine Familie im Bett dahin “vegetierte”, ging eines Tages die Tür auf. Zu meiner eigenen Überraschung trat ausgerechnet mein “Widersacher” Heiko ein. Was will ausgerechnet der “Depp” hier, dachte ich mir nur und nahm automatisch eine lauernde Haltung ein. Anders jedoch als erwartet, setzte er sich auf einen Stuhl und begann eine ehrlich gemeinte Unterhaltung mit mir zu führen. So konnte ich auch nicht anders, als das “Kriegsbeil” vorläufig zu begraben.
Dennoch blieb ich misstrauisch und zurückhaltend. Als er mich aber wiederholt besuchte, begann jedoch das “Eis” allmählich zwischen uns zu tauen.

Nachdem ich entlassen wurde, führte mich mein erster Weg zu ihm und rasch begannen wir uns anzufreunden. Fortan saßen wir stundenlang zusammen, hörten Musik oder redeten über Dies oder Jenes. Mit der Zeit kursierte unter den übrigen Jugendlichen im Haus bereits seltsame Gerüchte über unser Verhältnis zu einander. Von “Homosexualität” war sogar die Rede, was wir beide nur belächelten und uns sogar daraus ein Spaß machten. Wir mochten uns zwar sehr, aber wollten dies keineswegs mit dem Wort “Homosexualität” in Verbindung gebracht sehen. Es war schließlich auch für mich bis dato ein negativ besetzter Begriff gewesen, müsst ihr wissen. Ursprung dessen ist mein Aufwachsen in einem kirchlichen Kinderheim gewesen, dass nicht ohne Einfluss auf mein Denken geblieben war. Ohne dass es uns jedoch richtig bewusst war, steuerten wir aber geradezu auf diesen “Hafen” zu. Zumal meine Neigung zu Männern inzwischen gewachsen und zumindest schon sexuelle Phantasien geweckt hatte.

Schließlich obsiegte meine Neugierde und eines Tages, wir saßen so bei einander stellte ich ihm die eine Frage. Die Frage, ob er Interesse daran hegen würde, dass wir mal untereinander intim werden würden. Das hat mich schüchternes Kerlchen wirklich große Überwindung und Mut gekostet, zumal ich auch fürchte, es könne unsere noch junge Freundschaft gefährden. Zu meiner Überraschung willigte er nach einigen Zögern ein.

In der folgenden Nacht dann schlich ich in sein Zimmer. Man, was hatten wir für einen Bammel, sag ich euch. Wir verbarrikadierten die Tür, aus Angst, man könne uns erwischen. Schließlich schob ein Erzieher permanent Nachtwache. Wider aller Angst vor Entdeckung, war es für mich ein unbeschreibliches Gefühl, endlich mal wieder in die Arme genommen zu werden und die körperliche Nähe und Vertrautheit einer Person zu spüren. Eben das, was ich seit frühester Kindheit so schmerzlich vermisst hatte. So verliebte ich mich unsterblich in ihn. Gleichzeitig auch er sich in mich, was er kurze Zeit darauf mir beichtete. Allerdings wollten wir dies noch immer nicht mit dem Wort “Homosexualität” in Verbindung gebracht sehen.

Wie auch immer, den Erziehern war unsere nächtliche Aktivität nicht verborgen geblieben. Am folgenden Tage wurden wir nach einander ”vorgeladen” und uns unmissverständlich klar gemacht, das weitere Aktivitäten solcher Art nicht geduldet werden würden. Homosexualität unter Jugendlichen dieses Hauses werde nicht zugelassen und bei Zuwiderhandlung bestraft. Gedemütigt und empört verließ ich den “Gerichtssaal”. Ich und homosexuell, das ist eine Unterstellung, so dachte ich schlichtweg und frustriert. Zu allem Unglück verbreitete sich die Geschichte auch noch im Haus unter den übrigen Jugendlichen, so dass wir beide fortan verspottet und verhöhnt wurden.

Dem Vorwurf der Homosexualität zu Unrecht ausgesetzt, widersetzten wir uns dem Verbot. Wir hatten uns einfach sehr gern, was also was ist daran anstößig. So sahen wir das zumindest. Nun , die Erzieher sahen es anders und griffen zu allen Mitteln, unser Verhältnis und Tun zu unterbinden. Rechtlich waren sie dazu befugt, da wir ja noch minderjährig waren. Es gipfelte schließlich darin, dass sie beide Elternpaare mit einbezogen. Das geschah wohl in der Hoffnung, dass deren Einfluss unserem Tun endlich Einhalt gebieten könnte. Gerade meine Mutter sah rot, wenn sie nur den Begriff “Homosexualität” hörte. Erst recht wenn dies in Verbindung mit einem ihrer Kinder stehen könnte.

In diesem Augenblick schien die Welt für mich endgültig zusammen zu brechen und ich drohte an dem “Druck” zu zerbrechen. Was das bedeutet, muss ich wohl nicht weiter ausführen. Auch war ich nah daran nach zu geben. Doch gerade in dieser dunklen Stunde erwachte noch rechtzeitig der “Widerstandskämpfer” in mir, der bereit war um das zu kämpfen, was er liebte. Ich liebte eben Heiko und widerstand allen Versuchen der sozialen Umgebung uns zu trennen. Ich wuchs regelrecht über mich hinaus.

Ein Beispiel dafür. Des Sommers waren wir eine Jugendherberge. Eines Nachts huschte Heiko zu mir ins Bett und blieb bis zum Morgengrauen, obwohl im selben Raum vier weitere Jugendliche schliefen. Wer schon würde solchen Mut aufbringen, oder?

Auch wenn im Falle meiner Mutter und übrigen Familie einen hohen Preis dafür gezahlt habe, ich stand fortan zu dem, was ich bin. Weil meine Mutter nicht mit einem schwulen Sohn leben kann, trennten sich leider unsere Wege endgültig.

Ich möchte natürlich niemanden dazu ermutigen, mit den Eltern zu brechen, wenn es noch irgendeinen Weg der Verständigung gibt. Vielmehr möchte ich dich, wo auch immer du bist und mit den selben Problemen kämpfst, ermutigen dazu zu stehen, was du bist. Mache den Schritt hinaus aus deiner kleinen Welt. Warte nicht bis es zu spät ist.

Veröffentlicht unter Allgemein

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