Life is gay!

Die erste Zäsur in meinem Leben trat ein, als ich etwa drei Jahre alt war. Während meine Mutter als Krankenschwester in der Psychiatrie schuftete, ruhte sich mein Vater mit Ende 20 auf seinem Studium zum Diplom Ingenieur aus. Statt zur Uni zu gehen, schraubte er lieber an Autos herum, kam manchmal gar nicht erst nach Hause oder war einfach zu faul, um überhaupt irgendetwas anderes zu tun. Unterstützung seitens der väterlichen Familie gab es nicht.

Die Konsequenz daraus kann man sich denken: Die Scheidung.

Und so zogen meine Mutter und ich in ein kleines Zweifamilienhaus direkt neben dem Gelände ihrer Arbeitsstelle. Das waren Angestelltenhäuser für die Bediensteten des LWL (Landschaftsverband Westfalen-Lippe). Die Miete war zwar dementsprechend niedrig, aber leicht war es für uns trotzdem nicht. Ich verbrachte viel Zeit bei meinen Großeltern. Oma und Opa mussten halt für mich da sein, wenn die Mutter ihre Wechselschichten in der Klinik abarbeitete. Wahrscheinlich habe ich schon damals einen Knacks bekommen, der mich durch meine gesamte Jugend begleiten sollte.

Ich hatte Angst. Immer und überall; vor allem und jedem. Ich war ein wahnsinniges Weichei. Schon im Kindergarten. Auch wenn die Scheidung meiner Eltern mit Sicherheit einen erheblichen Anteil daran gehabt haben wird, waren es auch meine Großeltern und meine Mutter, die mir viele Ängste eingetrichtert haben. Meine Oma hatte sowieso schon immer Angst vor allem. Bei meiner Mutter drückte sich das zwar eher in Vorsicht aus, was mich anging, resultierte aus dieser Beeinflussung allerdings Feigheit in Reinform.

Aber auch ein dritter Aspekt spielte hier wohl eine Rolle. Ich denke, dass ich es damals nie wirklich bewusst wahrgenommen habe. Aber ich war definitiv nicht so, wie die anderen Jungs in meinem Alter. Bemerkt habe ich das erst in der Grundschule. Ich war nicht so rau und ungestüm wie sie. Ich hatte nicht so viele Streiche im Kopf und war anders als die anderen, fast ausschließlich mit Mädchen befreundet. Deren Spiele gefielen mir irgendwie deutlich besser. Sie hatten mehr Fantasie und waren kreativer. Und auch ich passte besser zu den Mädchen.

Schließlich war ich nur ein feiges Weichei ohne Durchsetzungsvermögen. Den Jungs gefiel das natürlich gar nicht. Trotzdem haben sie mich insgeheim immer fasziniert. Ich habe zu Hause ein Foto von einem blond gelocktem Jungen mit einer viel zu großen Schultüte in der Hand. Neben ihm eine Standtafel mit der Aufschrift: „Mein erster Schultag 1989“. Der Junge auf dem Foto, das war ich. Und für mich markiert dieses Foto den Tag, an dem man mich der Welt zum Fraß vorwarf.

Auf der Gesamtschule wurde es nicht gerade besser für mich. Kinder können so schon grausam genug sein. Aber pubertierende Jugendlich im kulturellen Schmelztiegel einer Ruhrpott-Gesamtschule? Schrecklich! Dazu hatte ich noch massive psychische Probleme, die auf meinen Vater zurückzuführen waren. Meine Noten waren schlecht, ich wurde von den meisten Mitschülern mies behandelt und hatte obendrein weiterhin Angst vor allem und jedem. Vor den Klassenkameraden, vor den Pausen, vor dem Schulweg. Allein Bus- oder U-Bahnfahren war für mich schon die Hölle. Und jeder konnte mir meine Angst ansehen. Gerade dies provozierte natürlich noch weitere Reaktionen bei anderen. Und immer noch war ich fast ausschließlich mit Mädchen befreundet oder unterwegs.

Obwohl – einen Jungen gab es da. Der war in der Klasse auch nicht sonderlich beliebt, war aber mit vierzehn schon zwei Jahre älter und konnte sich daher etwas besser durchsetzen als ich. Und ich konnte schon damals besser mit Leuten, die älter waren als ich. Wir verbrachten immer mal wieder Zeit miteinander. Auch außerhalb der Schule. Als ich ein Wochenende bei ihm übernachtete, geschah es dann. Er begann mich zu ficken. Obwohl ich erst nicht so ganz begriff, was gerade passierte, wollte ich es. Und ich wollte mehr. Und so taten wir es über mehrere Jahre hinweg immer wieder. Ein wenig Blasen; ein wenig Wichsen; ein wenig Ficken. Natürlich redeten wir nicht darüber. Und schwul waren wir mit Sicherheit auch nicht. Was passierte, passierte halt und Schluss! Ich geriet dadurch allerdings noch mehr ins Abseits, weil ich nun selbst nicht mehr wusste, was ich von mir halten sollte. Die andauernden Sprüche und Aktionen der Klassenkameraden machten es mir auch nicht leichter. Und Jugendliche gehen mit dem Wort „Schwul“ wirklich sehr leichtfertig um.

So dachte ich also nach einiger Zeit, man könne mir ansehen, was ich getan habe. War das so ja? Konnte man mir ansehen, dass ich Sex mit einem anderen Jungen hatte? Am Gang oder an der Gestik? An der Sprache vielleicht? Klang ich schwul? Eins war mir dabei jedoch glasklar: Ich wollte nicht schwul sein. Andere waren das vielleicht. Aber ich nicht! Es war für mich undenkbar, mit einem Jungen zusammen zu sein. Nein, das war nicht ich. Und so krochen meine Jugendjahre langsam dahin. Schule scheiße, Noten scheiße, Leben scheiße! Als meine Mutter dann einen neuen Mann kennenlernte, zogen wir zu allem Überfluss noch in ein Dorf im Märkischen Kreis mit gerade einmal 2000 Einwohnern, einem Fußball- und einem Tischtennisverein. In letzterem war der Freund meiner Mutter bereits sein Leben lang Mitglied, weswegen man auch mich nicht davor verschonte. Und das, obwohl ich Sport doch immer so gehasst hatte. Sportvereine, Männerbünde. Schrecklich!

Zu meinem Glück war der Freund meiner Mutter aber auch ziemlich technikaffin. Da ich bereits im Kindesalter ein reges Interesse an Computern und Programmierung hatte, war es für mich zu Hause durch eines der ersten 56k Modems schon fast ein Leichtes, mir Bildmaterial von nackten Männern zu besorgen. Auf Bravo-Bilder von Nick Carter zu wichsen wurden nämlich irgendwann langweilig. Trotzdem redete ich mir weiterhin ein, dass ich auf gar keinen Fall schwul wäre.

Die große Wende in meinem Leben ließ allerdings noch ein Weilchen auf sich warten. Ich hatte mittlerweile zwei beste Freunde und einen Freundeskreis. Ja, es waren tatsächlich männliche beste Freunde und wir waren zusammen ein echt cooles Team. Eben so, wie man mit 16 oder 17 halt ist. Disco, Saufen, Kiffen, Party und sonntags abends DVDs gucken. Und immer wieder diese Themen. Frauen, Frauen, Frauen und das erste Mal. Ich log mir alles so zurecht, dass es schon irgendwie passte. Mein fehlendes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein machte meine Lügen auch durchaus glaubhaft. Ich konnte ihnen ja schließlich nicht sagen, dass Sex gar nicht so problematisch war, wie sie sich das vorstellten. Und dass ich bereits so ziemlich alle Praktiken durch hatte schon erst recht nicht.

Weitere Zeit verging und ich wiederholte die elfte Klasse der Schule wegen meiner weiterhin schlechten Noten. Ich hatte offenbar ein paar negative Eigenschaften von meinem Vater geerbt. Ich konzentrierte mich aufs Programmieren und ließ dafür alles andere gnadenlos liegen. Ich wusste, dies ist mein großes und wahrscheinlich auch mein einziges Talent. Dabei ignorierte ich alles um mich herum. Auch mich selbst. Zumindest so lange, bis ich wieder geil wurde. Dann waren schnell ein paar heiße Fantasien mit männlichen Mitschülern abgerufen und die Sache war erledigt. Ich glaubte fest daran, dass ich nur hart genug versuchen müsste, es mal mit einem Mädchen zu machen. Allerdings fanden mich Mädchen irgendwie immer furchtbar unattraktiv. Zumindest hat sich nie eine an mich heran getraut.

Eines Tages, ich war 18 und in der zwölften Klasse, bot sich eine Chance mir zu beweisen, dass ich auf Frauen stehe. Die Freundin eines meiner besten Freunde hatte mir auf einem Feuerwehrfest ein verdammt hübsches Mädchen klar gemacht. Es muss sie einiges an Überwindung gekostet haben, denn sie konnte dieses Mädel eigentlich auf den Tod nicht Ausstehen. An dem Abend ist allerdings nichts gelaufen. Ich hatte mich, wie so oft, maßlos dem Alkohol hingegeben. Wahrscheinlich mit Absicht. Einige Tage später kam dann der Moment der Wahrheit. Ich war mit ihr unterwegs und brachte sie anschließend mit dem Auto zurück zu sich nach Hause. Auf der Treppe vor der Haustür wusste ich dann, was jetzt von mir erwartet wurde.

Sie wollte mit ziemlicher Sicherheit auf der Stelle von mir flachgelegt werden. Ich war höllisch nervös und zitterte am ganzen Körper, als hätte man mich gerade an eine Steckdose angeschlossen. Obendrein drehte sich mir der Magen um. Ich konnte das einfach nicht. Einen Kuss hätte ich vielleicht gerade noch hinbekommen. Aber Sex? Bei dem Gedanken wurde mir noch schlechter, als es mir ohnehin schon war. Unmöglich! Als der innere Druck anfing mich zu zerreißen drohte, verabschiedete ich mich und trat die Flucht an. Sie war definitiv geknickt an diesem Tag und hat nie wieder etwas von mir gehört.

So heftig diese Begegnung für mich auch war. Der Effekt auf mich verpuffte. Erst Monate später wurde mir die wahre Lage meiner Situation bewusst. Ich war 19 und stand Kurz davor, wegen schlechter Noten nicht zum Abi zugelassen zu werden. Deprimierender als meine Noten war zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich nur mein Musikgeschmack. Ich denke das meist gehörte Lied zu dieser Zeit war „Ton Stein Scherben“ mit „Halt dich an deiner Liebe fest“. Begleitet von stundenlangen Heulkrämpfen, die ich auf meinem Bett liegend zu bekämpfen versuchte.

Ich hatte mich verliebt. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, ausgerechnet in einen nicht zu erreichenden Mitschüler. Eigentlich dachte ich immer, es wäre für mich unmöglich, mit einem Mann zusammen zu sein. Ihn zu küssen und richtigen, zärtlichen Sex mit ihm zu haben. Halt ein ganz „normales“ Paar zu sein. Das passte überhaupt nicht in mein Weltbild. Doch eines Tages war der Druck zu groß geworden. Es gab für mich nur zwei Optionen. Die Sache angehen und mir eingestehen, dass ich schwul bin, oder mir einen Weg zu suchen, um mich selbst aus diesem Universum zu entfernen. Aber wenn ich ehrlich bin, war ich für Selbstmord schon immer zu feige.

Eines Winterabends, ich hatte mal wieder einen meiner Heulanfälle und fühlte mich unsagbar einsam, entschied ich mich für das Leben und schwor mir, mich mit aller mir zur Verfügung stehenden Energie durchzubeißen. Meine Mutter und ich waren mittlerweile zurück nach Dortmund gezogen, nach dem ihr Freund eine andere geschwängert hatte. Dafür war ich dankbar. Denn auf dem Dorf hätte ich mich das nicht getraut. So setzte ich mich vor meinen Computer und begann im Netz zu recherchieren. Wie definiert sich schwul und wie sehen typische Schwule aus? Wie haben die Eltern reagiert und wie kann man andere Jungs kennenlernen?

Zu meinem absoluten Erstaunen fand ich fast nur Texte, die beinahe eins zu eins auf mich und meine Situation übertragbar waren. Gab es doch so viele Leute in meiner Situation? War ich gar nicht so anders und allein? Nach Stunden der Recherche meldete ich mich schließlich in einer Online Community für Schwule an. Um ehrlich zu sein hatte ich so meine Probleme, das Wort schwul auf mich anzuwenden. Aber es ging nicht anders. Arschbacken zusammen, Brust raus und durch! Ich schrieb mit einigen Typen an diesem Abend. Es war der 02.12.2002, der Abend meines inneren

Coming-Outs. Es war soweit: 26 Jahre, Elektriker, kein Bild. „O.K, musst du jetzt durch“ dachte ich nur. Ich malte mir in meinen Gedanken natürlich die wildesten Sachen aus. Das war alles so real und greifbar. Ich musste nur zupacken und es geschehen lassen. So verabredeten wir ein Treffen eine Woche später. Er wollte mich seinen Rechner prüfen lassen. Natürlich! Und ich wollte vögeln. Das war klar. Obwohl ich tierisch schüchtern war, musste ich das jetzt durchziehen. Es ging nicht anders.

Am nächsten Tag nahm ich mir einen befreundeten Mitschüler zur Seite, von dem ich wusste, dass man mit ihm über alles reden und er Geheimnisse auf jeden Fall bewahren konnte. Zitternd wie Espenlaub und einer Stimme wie ein Reibeisen, gestand ich ihm, dass ich schwul sei, dass ich mich unglücklich in Mitschüler X verliebt und ebenfalls jemanden kennengelernt hätte. Mit einem breiten Grinsen kam mir dann die Antwort entgehen, dass er sich das mit dem Schwul sein schon gedacht hätte. Später sollte sich herausstellen, dass es viele Menschen gab, denen meine sexuelle Orientierung offenbar schon lange vor mir selbst klar gewesen war.

Eine Woche später traf ich mich Abends mit dem Typen aus dem Chat. Nach zwei Stunden am Rechner, in denen ich zwar tierisch nervös war, meine Erektion aber trotzdem nicht verbergen konnte, taten wir das, weswegen ich gekommen war. Wir hatten Sex. Echten Sex! Mit allem was dazu gehörte und was für mich so unerreichbar schien. Es war unglaublich! Ich hatte noch nie zuvor irgendjemanden geküsst. Gefickt ja, aber nicht geküsst. Und ich hatte es echt drauf. Alle Angst war fort. Alles was wir da taten fühlte sich so natürlich an. So echt und so richtig.

Ich schämte mich nicht für das, was ich tat, und ich machte mir auch keine weiteren Gedanken darüber. Ich machte es einfach. Zum Schluss fragte er mich, ob wir uns wiedersehen. Wohl wissend in der Annahme, dass ich sowieso nicht wieder kommen würde. Aber da hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Jetzt stand mir nur noch ein großer Stein im Weg: Meine Mutter. Wir haben zu Hause nie viele Geheimnisse voreinander gehabt. Dieses Mal hatte ich ihr allerdings so gut wie nichts gesagt, als ich den Abend losgefahren bin. Ganz vermeiden konnte ich es aber nicht. Ich brauchte schließlich ihr Auto, um 60 Kilometer quer durchs Ruhrgebiet zu meinem kleinen Intermezzo zu fahren. Also sagte ich ihr am nächsten Tag die Wahrheit. Wo ich war und vor allem mit wem. Daraufhin klappte sie mir im stehen zusammen und brauchte eine Weile, um sich wieder davon zu erholen. Wenn man als Einzelkind klarstellt, dass man seiner Mutter keine Enkel schenken wird, dann ist das mit Sicherheit ein ziemlicher Schlag. Es sollte aber alles gut werden.

Und so ging es bei mir stetig voran. Ich traf mich jedes Wochenende mit dem Mann aus der besagten Nacht. Wir hatten stundenlang Sex und wurden schließlich ein Paar. Ich outete mich bei immer mehr Leuten in der Schule und wurde sehr freundlich damit aufgenommen. Ich war plötzlich ein ganz anderer Mensch. Ich entwickelte einen Sinn für mein Aussehen und entdeckte den Reiz, den ich offenbar auf schwule Männer ausübte. Ich war endlich authentisch und erlangte sogar Selbstbewusstsein. Ich fand neue Interessen und Talente in mir und wurde plötzlich erwachsen. Da war so vieles, was ich bislang nicht von mir wusste; was ich nicht in mir gesehen hatte. Alles verborgen hinter dieser einen Schranke. Einer Pseudo-Hetero-Schranke.

Von da an entwickelte sich mein Leben rasant. Als ich entdeckte, dass meine alten Freunde nicht gut für mich waren, schoss ich sie ab. Sie lebten davon, sich durch mein geringes Selbstbewusstsein über mich stellen zu können. Und sie wurden irgendwie nicht erwachsen. Ich hingegen machte riesige Schritte vorwärts.

Obwohl ich zum Halbjahreswechsel wegen schlechter Noten von der Schule flog, hatte ich mein Ziel klar vor Augen: Ich wollte eine Ausbildung zum Fachinformatiker der Anwendungsentwicklung machen, obwohl mir alle Lehrer und das Arbeitsamt davon abrieten.

Zuerst wurde ich zum Zivildienst eingezogen. Auf Grund meiner Verbindungen zur Psychiatrie konnte ich mir eine Stelle aussuchen. Ich nahm einen echt tolle Job in der Arbeitstherapie an. Dort gab es super Kollegen und zwei echt tolle Mitzivis. Die beiden wussten von meinem Schwul sein und ich war zum ersten Mal so richtig integriert. Endlich gleichwertig. Ich konnte meine frisch entdeckten Fähigkeiten selbstbewusst einsetzen und hatte damit Erfolg. Ich machte meine Arbeit sehr gut und war daher bei den Arbeitskollegen sehr beliebt und bekam schon bald Verantwortung übertragen.

Danach begann ich meine Ausbildung zum Fachinformatiker. Meine schlechten Noten kümmerten den Chef nicht. Der suchte nämlich einfach nur billige Arbeitskräfte mit einer hohen Bandbreite an Fähigkeiten. Nach einem Jahr war dort zum Sommer Schluss für mich. Ich war zu rebellisch, weil ich nicht einfach alles mit mir machen ließ. Auch eine ganz neue Seite an mir.

Von der 43 Stunden Woche, der miesen Bezahlung und der unangemessenen Behandlung, hatte ich die Schnauze voll. Geoutet habe ich mich in dieser Firma nur vor einer Person. Innerhalb der Sommerferien fand ich dann einen neuen Arbeitgeber und begann mein zweites Ausbildungsjahr. Von der Suche bis zum Vertrag waren keine vier Wochen vergangen. Ich sagte ja bereits: Die Informatik ist mein großes Talent. Im Endeffekt war diese Firma aber auch nicht viel besser als die alte. Nur, dass man einem hier mit einem Lächeln sagte, dass man der Firma gehöre. Ein Jahr nach dem Ende meiner Ausbildung, die ich übrigens mit sehr guten Noten abgeschlossen habe, bekam ich meine eigene kleine Abteilung und die entsprechende Projektleitung. Für die sieben Leute unter mir war ich der, der immer alles wusste. Den sie alles Fragen konnten und der sich immer vor sie stellte, wenn es Ärger gab. Für die über mir, war ich nur der, der sich weigerte, den von oben verordneten Müll unprofessionell umzusetzen und bei allem mitreden wollte. Sie kamen aber nicht an mir vorbei. Meine Leute machten das, was ich sagte und ohne meine Fähigkeiten wäre es schwer gewesen, den Projektdurchsatz beizubehalten.

Nach meiner Weigerung an einer Weihnachtsfeier teilzunehmen und einem Krankenschein wegen Burnout, war dann Anfang 2012 für mich dort Schluss. Ich wollte in keine Firma mehr. Ich wollte endlich selbstbestimmt arbeiten. Das klappte leider nicht. Als dann das Arbeitsamt mein Profil ins Netz stellte, konnte ich mich vor Einladungen zu Vorstellungsgesprächen kaum retten. Ein Headhunter vom Arbeitsamt machte mir dann eine Stelle derart Schmackhaft, dass ich gar nicht nein sagen konnte. Eine Woche und ein lockeres Bewerbungsgespräch unter Nerds später und ich bekam einen unbefristeten Arbeitsvertrag als Senior Developer. Meine sexuelle Orientierung hatte ich im Gespräch bereits geklärt und lebe seit diesem Tag endlich vollkommen geoutet.

Es war eine lange Reise, die ich hier in wirklich wenige Worte gequetscht habe. Heute bin ich 30, geoutet, habe einen tollen Job, lebe in dem Haus in Dortmund, welches meine Mutter bereits vor 20 Jahren gekauft hat und bin immer noch mit dem Mann aus dem vermeintlichen One-Night-Stand zusammen. Ich gehe offen auf Leute zu, werde immer gut integriert und bin bei allen recht beliebt. Wirkliche Freunde habe ich leider nicht mehr. Aber irgendwann werde ich bestimmt noch mal jemanden finden.

 

Veröffentlicht unter Allgemein

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