Mein Vater musste schon sehr schlucken

Ich war mit einer Freundin in Italien, wir saßen auf einem wunderbaren Platz in Florenz, tranken Kaffee und schauten uns stundenlang das Treiben an. Irgendwann sagte meine Freundin: “ist das nicht irre, wie gut die Italienerinnen gekleidet sind?” Ups, ich war geschockt, ich hatte nur die geilen Italiener gesehen. In diesem Moment fiel der Vorhang, mir war klar, dass ich schwul war. Mit 30 wurde es auch mal Zeit.

Ich hatte ein paar Frauenbeziehungen gehabt, die interessant und anregend waren, aber im Bett war es für mich immer langweilig, unattraktiv, eine Pflichtveranstaltung. Ich habe das Thema nie reflektiert, aber jetzt war mir alles klar.

Oh Gott, was mag das nun bedeuten, Freunde, Familie und Arbeit, das sind ja nur Probleme, die da vor mir liegen. Egal, erstmal wollte ich mein neues Leben genießen, wenn auch noch extrem verklemmt. Zu dieser Zeit gab es noch kein Internet, alles war noch etwas heimlich, für einen “Neuen” nicht einfach. Ich traute mich auch nie, jemanden anzusprechen, es war alles schwieriger als gedacht. Dann dachte ich, so geht es nicht weiter, es muss sich was ändern. Ich fand eine Coming-out Gruppe, die mir extrem geholfen hat. Nicht nur, dass wir uns in einer hocherotischen Atmosphäre wieder fanden und frei über Sex reden konnten, auch die Themen Familie und Freunde wurden bearbeitet.

Ich sollte mir vorstellen, dass meine Eltern vor mir sitzen und ich denen erzählen sollte, dass ich schwul bin. Der Therapeut sagte nach 10 Minuten, vergiss es, das ist ja ein Krampf. Ein halbes Jahr später war ich dann soweit, Prüfung bestanden. Ich fuhr zu den Eltern, und erzählte ihnen, was los ist. Meine Mutter war ganz cool, sagte nur, ach so und ich dachte schon, Du wärst in einen Bauskandal (ich bin Architekt) verwickelt oder rauschgiftabhängig. Thema erledigt, auch wenn mein Vater schon sehr am Schlucken war. Es entwickelte sich alles gut, ich hatte aber immer noch nicht die geilen Sex-Erlebnisse gehabt. Eine Freundin von mir organisierte öfters Treffen für mich. Ein super toller Kerl ging mit mir essen, wow. Dann lud er mich nach Hause zum Kaffee ein. Als ich bei ihm in der Küche saß, dachte ich plötzlich, jetzt passiert es, und ich haute ab. Draußen schrie ich vor Wut, weil ich so bescheuert war und gegangen bin. Im Nachhinein hat mir die Situation sehr zu denken gegeben. Wäre ich dageblieben, wären wir übereinander hergefallen und vermutlich hätte ich vor Aufregung nicht an die Gummis gedacht. Der Bekannte starb dann ein halbes Jahr später an Aids. Ich hatte echt jemanden, der auf mich aufgepasst hat.

In der Gruppe fand ich dann einen Freund, mit dem ich 18 Jahre zusammen war. Es war eine spannende Coming-out Zeit mit viel Frust, Hoffnungen und Verzweiflung. Aber dieses laufende Kribbeln hat alles erträglich gemacht und mir extrem viel Kraft gegeben. Ich möchte es nicht missen.

Veröffentlicht unter Allgemein

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