Oh geil, Zuckerherzen, stehe ich voll drauf!

Als ich 14 Jahre alt war, also mitten in der Pubertät, kam mein Vater zu mir ins Zimmer, schloss die Tür und setzte sich zu mir ans Bett. Er sagte mir “Ich glaube, dass Du schwul bist und ich wollte Dir nur sagen, dass schwul sein vollkommen in Ordnung ist”.

Tja, nun könnte man vermuten, dass ich geantwortet habe “Ja Papa, ich bin schwul”. Viel weiter kann ein Vater seinem Sohn, die Tür, sich ihm zu offenbaren, wirklich nicht mehr öffnen. Und bis heute bin ich meinem Vater sehr dankbar, dass er mir das damals sagte. Diese Dankbarkeit stellte sich aber erst einige Jahre später ein. Denn mit 14 Jahren wurde ich in der Schule reichlich gehänselt, als der “Homo”, die “Tunte” oder auch “Schwuchtel”. Wenn einem der eigene Vater so etwas dann auch noch sagt, hat man erst einmal das Gefühl, dass er es auch auf einen abgesehen hat. Also habe ich in dieser Situation wie ein waschechter Hetero reagiert und bin mit einer dramatischen Geste in Tränen ausgebrochen und habe gerufen “Das ist nicht wahr”.

Nun stand ich dann aber vor der Herausforderung, zu beweisen, dass es nicht wahr ist. Also musste alsbald eine Freundin her. Ich habs mit Chantal probiert, weil es eh jeder mit ihr probiert hat. Mit Delia hat es genau einen Tag gehalten, bei Kerstin waren es schon 2 Wochen und mit Tanja sogar 2 Jahre. Wenn mir die Mädels heute ein Zeugnis ausstellen müssten, für meine Leistung als Liebhaber, würde da wahrscheinlich mit viel guten Willem “er war stets bemüht” stehen. Was nur stimmte nicht mit mir? Ich konnte unmöglich schwul sein, denn schwul sein war ja was schlimmes.

Mit 19 Jahren entschied ich mich, zu Hause auszuziehen und in die Niederlande zu gehen. Genauer, nach Maastricht, einer 120 Tsd. Einwohner-Stadt nahe der Deutschen Grenze. Ein grober Kontrast zu meiner Heimatstadt Berlin. Ich wählte für meine Auswanderungspläne ein vom Staat finanziertes Projekt, in dem auch ein 3-Monatiger Sprachkurs enthalten war.

Als ich am ersten Tag in den Kurs kam, saßen da außer mir 7 Jungs und 2 Mädels. Ärgerlich, da ich mich doch mit Mädchen meist besser verstand und Jungs auf mir rumhackten, weil sie vermuteten, ich könnte schwul sein. Kam noch hinzu, dass ich mit 19 der jüngste in der Gruppe war, alle anderen waren bereits über 20. So musste ich also erst einmal ordentlich schlucken.

Trotzdem zog ich mit den Jungs in eine große WG. Stets bemüht, als Hetero und welterfahren durchzugehen. Ich freundete mich außerdem mit Nadja aus meinem Kurs an. Und manchmal kam Tina dazu. Mit der Zeit stellte sich heraus, das meine Sorgen wegen der Jungs grundlos waren. Sie sahen mich eher als Nesthäkchen und nahmen mich in ihre Obhut. Wenn ich abends heim kam, dann wurde ich zumeist gefragt, ob ich schon gegessen hatte, wenn nicht, dann gab es Spaghetti. Irgendwie gab es zu der Zeit oft Spaghetti. Hatten wir finanzielle Engpässe?

Natürlich haben wir auch viel zusammen gefeiert. Und dafür gab es spannende Möglichkeiten in den Niederlanden. Man kann ganz legal Gras kaufen. Mit knapp 20 Jahren gab es nichts cooleres als das. Ich durfte trotz “Nesthäkchen-Dasein” mitrauchen. Doch dann kam der Tag, wir saßen alle in Tinas WG-Zimmer, als Andy zu mir sagt “Dreh doch mal einen Joint”. Die Farbe wich mir aus dem Gesicht. “Ich kann nicht drehen” sagte ich ihm. Er sah mich an, klopfte auf seinen Oberschenkel und meinte “Na dann setz Dich mal hin, wir üben”. So saß ich auf seinem Schoß und versuchte einen Joint zu drehen. Markus kam dazu und fragte “Bist Du eigentlich schwul?”. Sofort waren alle Erinnerungen an die Schulzeit, die Hänseleien und das Versteckspiel wieder wach. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und weg gerannt. Stattdessen sagte ich “Nein, natürlich nicht!” (welch ironische Antwort auf dem Schoß eines anderen Typen). Ich hoffte, dass das Thema damit beendet sei, stattdessen sagte Markus “Hmmm,
schade, Du bist viel zu hübsch für einen Hetero!”. Das verwirrte mich, irgendwie fühlte ich mich geschmeichelt, aber schwul sein ist doch was schlechtes, oder? Die anderen stiegen in die Diskussion über schwul sein mit ein. Alles was sie sagten, klang plötzlich gar nicht mehr nach “Schwuchtel” oder “Tunte”. Es waren sehr unterhaltsame, positive Geschichten, von Freunden meiner Kameraden, die auch schwul waren. Sie hatten schwule Freunde?

Als ich an diesem Abend nach Hause ging, dachte ich zum allerersten Mal “Wenn ich mich jemals in einen Mann verliebe, ist das vollkommen in Ordnung und ich werde es jedem erzählen”. Meine Neugier war geweckt und ich wollte unbedingt heraus finden, ob ein Mann mich interessieren könnte.

Leider ist es in einer Stadt wie Maastricht gar nicht so einfach, einen Mann kennen zu lernen. Nach einigem Suchen entdeckte ich am schwarzen Brett der Uni einen Aushang “Wir suchen neue Mitarbeiter für eine schwul-lesbische Party”. Klang genau nach dem, was ich suchte, aber alleine traute ich mich da nicht hin. Also erzählte ich Nadja, dass es an der Zeit sei, auch mal ein paar Niederländer kennen zu lernen und das ich auf einem Aushang gelesen hätte, dass für eine “Studentenparty” neue Mitarbeiter gesucht würde. Hatte ich da etwa ein kleines Detail vergessen? Naja, wer liest schon klein gedrucktes?

Nadja war interessiert, so rief ich unter der Nummer an. Wir verabredeten uns mit einem gewissen “Gilles”. Ich wusste nicht genau, was ich erwarten sollte, aber ging natürlich von einem etwas älteren Herren aus, der eine Federboa trug. Doch dann kam Gilles, ein Junge in unserem Alter mit einem strahlenden Lächeln. Er zeigte uns die Location und erzählte uns einiges über das monatliche, schwul-lesbische Fest “Lavelöss”. Einige andere Mitarbeiter waren damit beschäftigt, den Raum zu dekorieren. Er stellte sie uns der Reihe nach vor. Und dann kam Maarten. Groß, blond, braune Augen mit einem unverschämten Grinsen im Gesicht. In meinem Kopf hämmerte es, als hätte ich gerade einen Handstand gemacht und wäre zu schnell wieder auf die Füße gesprungen. Man war der toll. Was Maarten damals erzählte, weiß ich nicht mehr, aber ich kicherte auffällig viel.

Nun blieb die Frage, wie ich Maarten auf mich aufmerksam machen sollte. Einige Ideen schossen mir durch die Kopf, verwarf sie aber schnell wieder. Vielleicht auch, weil es zu teuer geworden wäre, ein Flugzeug mit einem Schriftzug über der Stadt kreisen zu lassen.

Natürlich fing ich als neuer Mitarbeiter dort an, doch in den darauffolgenden Tagen war Maarten nicht da. Erst bei der nächsten Party sah ich ihn wieder. Er saß an der Kasse. Da ich als Mitarbeiter natürlich keinen Eintritt zahlen musste, gab es eigentlich keinen Grund, dorthin zu gehen. Also musste ein Grund her. Auf dem Kassentresen stand eine Schüssel mit Zuckerherzen. Also lief ich hin und sagte “Oh geil, Zuckerherzen, stehe ich voll drauf”. Was natürlich eine klassische Lüge war, ich hasse die Dinger. Not macht ja bekanntermaßen erfinderisch. Also knabberte ich ein Zuckerherz nach dem anderen und plauderte mit Maarten. Auch er war sehr neugierig und stellte mir unglaublich viele Frage. Heute wüsste ich, dass “Fragen” Interessiere signalisieren, damals freute ich mich einfach über seine Neugier.

Nach einer Weile verabschiedete ich mich in Richtung Tanzfläche. Er sagte, dass er auch gleich kommen würde, die Kasse schließt in 20 Minuten. 20 Minuten, eine Ewigkeit. Und die Frage, wo im Raum ich mich hinstellen sollte, damit es auch möglichst lässig und cool aussieht. So lehnte ich mich an eine Säule, ein Bein James-Dean-mäßig angewinkelt. Und dann kam er, grinste unverschämt, beugte sich runter und küsste mich. Bis heute möchte ich schwören, dass ich in diesem Augenblick Glocken habe läuten hören.

Die darauffolgende Knutsch-Arie möchte ich an dieser Stelle nicht weiter erörtern, aber klar war, dass ich von einem Ohr zum anderen und von Kopf bis Fuß total verliebt war. In einen Mann!!!!

Schnell zeichnete sich ab, dass aus Maarten und mir etwas längeres werden würde, da wir es beide immer kaum erwarten konnten uns wieder zu sehen. Und da ich mir geschworen hatte, dass die Menschen in meinem Leben es wissen sollten, wenn ich mit einem Mann zusammen sein sollte, setzte ich mich hin und schrieb allen einen Brief. Die meisten meiner Familie und Freunde waren ja weit weg. 2 Tage nachdem ich den Brief an meine Eltern verschickt hatte, riefen sie mich an und mein Vater sagte “Na endlich, es muss Dir doch sicher viel besser gehen, jetzt wo es endlich mal gesagt ist” und meine Mutter kreischte im Hintergrund “Wir wollen ihn aber schon kennenlernen”. Coming-Out erledigt, freie Bahn für Maarten und mich …

Ja, ich weiß, mein Coming-Out ist nicht geprägt von Dramatik. Eigentlich nur von meiner eigenen Unsicherheit. Für meine Eltern und Geschwister ist es vollkommen egal, ob ich schwul oder hetero bin. Doch auch wenn es bei mir so unglaublich einfach war, ich weiß, dass es noch sehr viele da draußen gibt, die mit sich hadern, weil ein Großteil der Gesellschaft, es noch nicht als normal ansieht, dass sich 2 Männer oder 2 Frauen in der Öffentlichkeit küssen. Die Blicke der anderen sind aber oftmals nicht böse gemeint, nur wenn wir uns nicht trauen, uns in der Öffentlichkeit zu küssen oder an die Hand zu nehmen, wie soll sich die Gesellschaft denn dann dran gewöhnen? Also raus mit Euch, küsst Euch und bleibt normal :-) … HENRIK

Veröffentlicht unter Allgemein

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