Pulverfass Balkan

Mein Comming-Out war ziemlich kompliziert. Ich habe einen bosnischen Migrationshintergrund und in Deutschland aufzuwachsen, einem liberalen, „fast“ vorurteilsfreiem, friedlichem Land war nicht immer einfach. Meine Eltern hatten durch ihre kulturellen Hintergründe nun mal andere Visionen und Erwartungen mir gegenüber, aber gleichzeitig fühlte ich mich schon immer mehr als Deutscher. Wo meine Eltern herkommen, „existieren“ schwule Menschen gar nicht. „Bosnier sind nicht schwul. Hexerei ist das! Die sind alle nur verwirrt und haben noch nicht die richtige Frau gefunden.“ – Ich könnt so Stunden weiter machen und würde tausend weitere Exemplare bosnischer Sprüche was Homosexualität betrifft finden.

Mit 14 habe ich aber bereits was anderes gefühlt. Beim Dr. Sommer hat mich irgendwie nie die Lisa aus Münster, sondern der Max aus Hamburg, oder Christian aus Köln interessiert. Irgendwas stimmte nicht wirklich mit mir, hatte ich das Gefühl, man lernt ja „so Sachen“  mittlerweile in der Schule mittlerweile. Aber wie ein richtiger Bosnier sagte ich mir tagtäglich: „Ach, pff, laber doch keinen Scheiß, du bist Bosnier und die sind nicht schwul, dass geht schon weg.“ Aber es ging nicht weg. Auf dem Gymnasium kam dann das Standardschwule-Drama. Erstes Mal verknallt, dann auch noch in den besten Freund, nur noch mit ihm abhängen, heimlich von ihm schwärmen und beim Duschen auch mal gucken, damit man davon später, eh, „träumen“ kann.
Zu mehr kams nie, dafür dann einige Jahre später während meines Aufenthaltes in Amerika. Um Papa und Gastpapa glücklich zu machen und den American Dream zu leben, hatte ich natürlich auch eine Freundin. Ich hatte immer wen, der mich zur Schule und zurück fährt, sie konnte bei ihren Freundinnen angeben sich den Ausländer gekrallt zu haben. Top. Bis ich dann diesen Jungen kennengelernt habe. Groß, durchtrainiert, Quaterback. Schwul. Irgendeinen Abend hab ich ihn dann zu mir eingeladen und hab ihn einfach geküsst. Amerikanischen Traum auf meine Art und Weise erlebt.

Zurück in Deutschland ergaben sich aber neue Probleme. Nachdem ich in Amerika endlich mal damit rumexperimentiert hatte, fiel es mir schwer wieder den „normalen“ Jungen zu schauspielern, der sich heimlich, nachts aus dem Haus schleicht, dutzende Kilometer fährt, um sich versteckt mit Männern zu treffen. Zu groß war die Angst dabei immer, was würde passieren, sollten meine Eltern es herausfinden. Da ich mit niemandem über meine Probleme reden konnte, fing ich an Tagebuch zu schreiben. Meine Ängste, Gefühle, all so ein Girlie-Scheiß halt. Aber irgendwann reichte das nicht mehr. Also beschloss ich mich eines Abends bei geselliger Runde vor Freunden zu outen. Nervöser wie in dem Moment war ich vorher noch nie. Meine Freunde sagten nur: „ Wussten wir eh schon, wurde mal Zeit.“ Damit hatte sich das. So einfach ging es also. Wieso dann nur so schwer den Eltern gegenüber?

Ich zog nach dem Abitur endlich aus, in eine neue, große Stadt, wo mich niemand kannte und wo es vollkommen ok war, so zu sein, wie auch immer man will. Es lief gut. Mama und Papa anlügen wenn man sie sah, Rest der Zeit freies Leben. Aber irgendwann war selbst das keine Option mehr. Vor allem nicht, nachdem ich eine bestimmte Person getroffen hatte, die mir damals sehr geholfen hat. Groß, witzig, selbstbewusst, schwul. Serbe. Wir freundeten uns an und er erzählte mir von seinem Outing. Und das war viel schlimmer, als meine Situation zu dem Zeitpunkt hätte sein können! Ich war zu dem Zeitpunkt in einen Kerl verknallt und eines Tages beschloss ich zu meiner Schwester ins Restaurant zu gehen, um mich da zu outen. Ich aß mit meinem Objekt der Begierde, wir tranken alle Wein zusammen, lachten. Und ich sagte zu ihr, dass ich schwul wäre. Ich erwartete alles mögliche – aber nicht, dass sie mich in den Arm nahm und sagte: „Ja und? Ich werde dich immer lieben und du wirst auch immer mein Bruder sein, egal wen du liebst. Liebe hat keine Grenzen. Jeder verdiente die Liebe die er braucht.“ Ich weinte an diesem Tag und werde ihre Worte niemals vergessen.

Ich nahm Mut aus diesem Gespräch mit ihr und fand nach Monaten der Lügerei und Heimlichtuerei endlich meine Eier, es meiner Mutter zu sagen. Ich holte sie an dem Tag vom Flughafen ab. Wir waren im Auto, ich fuhr, die Türen waren abgeschlossen und bei 190 km/h springt sie eh nicht raus. Perfekte Situation zum Reden. Ich habs ihr einfach gesagt. Und sie schwieg. Was mich innerlich umbrachte. Ich flehte sie an irgendetwas zu sagen, war bereits den Tränen nahe und fing an zu bereuen und fragte mich, ob ich nicht noch hätte warten sollen. Aber sie sagte nur: „Ich wusste es bereits. Du solltest mal überdenken, wo du Tagebücher sicher versteckst, vor mir waren sie jedenfalls nicht sicher. Das Einzige was ich dir zu sagen habe ist, dass die Liebe einer Mutter unendlich und unzerstörbar ist – durch nichts auf der Welt. Es ist keine Wahl die du gefällt hast, es ist einfach so. Aber ich bin glücklich, solange du glücklich bist. Das ist alles was ich je wollte. Ich liebe dich jetzt und für immer.“
Endlich hatte ich ein wenig Frieden mit mir finden können, da ich wusste, dass immerhin meine Mutter und meine Schwester hinter mir stehen und das es vollkommen ok ist, anders zu sein.
Dazu gesagt, mein Vater weiß bis heute nichts davon. Wenn ich Eier so groß wie Jupitermonde habe, dann werde ich es machen.
Aber das wird irgendwann kommen. In der Zwischenzeit bin ich ziemlich fröhlich mit mir selber, mit der Person die ich geworden bin und welche ich noch werde.

Ein starker, selbstbewusster, intelligenter, schwuler, Bosnier.

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6 Kommentare auf “Pulverfass Balkan
  1. Amy sagt:

    Bravo! Ganz ehrlich, ich hatte zum Schluss Tränen in den Augen.
    Du hast es wirklich sehr toll geschrieben…

    Danke für diese kleine Reise in deine Vergangenheit!

    Ich hoffe, es wird für dich noch weitere kleine “Reisen” ;-) geben, die dich und uns bereichern werden.

    PS: Es fehlt ein Wort in deinem letzten Satz:
    STOLZ.
    Du kannst stolz auf dich sein!

  2. Patrick sagt:

    Du hast es, wie ich finde,hervorragend geschafft, deine Gefühle um dein Coming-Out aufs Papier zu bringen. Du beweist damit Stärke und Selbstsicherheit. Eigentlich sollte Homosexualität schon lange kein Thema mehr sein, doch einige müssen immer noch darauf rumhacken. Du bist, wie du bist – und musst dich nicht dafür schämen! Und wenn das Buch (hoffentlich mit deinem Text) es schafft, ein wenig mehr Toleranz zu schaffen, bin ich dankbar. Daumen hoch!

  3. Martin sagt:

    echt bewegend. jetzt fehlt noch papa.

  4. Lynn sagt:

    ..so wunderbar diese Worte, die mich mich unendlich stolz auf dich machen immer und immer wieder von Neuem. Einfach, weil du bist wer du bist. Ich bewundere dich für deinen Mut, dein Herz, dein Dasein. Daran wird sich niemals etwas ändern. In tiefster Liebe und Dankbarkeit,Lynn.

  5. Meike sagt:

    Mein Lieber!
    Auch wenn ich Deine Geschichte bereits kannte, hat mich Deine Erzählung hier wirklich berührt.
    Früher wollte ich immer einen schwulen Freund haben, weil ich kleines Dorfkind Homosexualität spannend aber auch außergewöhnlich und, wenn ich ehrlich bin, nicht ganz normal (wenn auch nie schlimm) fand. Spannend find ich Deine Welt wahrlich immer noch, aber durch Dich habe ich gelernt, dass es niemals unnormal sein kann jemanden zu lieben und dass wir alle, egal ob “Hete” oder “Homo”, es verdient haben die Liebe und Sexualität die uns erfüllt auszuleben, wenn gewünscht mit Heirat und Kindern und Einhörnern. Kurz gesagt: Lieben ohne Grenzen. Dafür danke ich Dir von ganzem Herzen! Und Danke dass Du Deine Welt so offen mit mir teilst und sie damit auch ein Stück zu meiner machst!
    Ich hoffe, dass die Unsicherheit und die Ängste die Du mit Deiner Stärke überwunden hast nie wieder zurück kehren und Du stets mit erhobenem Kopf durchs Leben gehen kannst. Bleib wie Du bist :)

  6. Steffi Kremer sagt:

    Lieber Pulverfass Balkan,

    ich danke dir, für diesen schönen Teil deines Lebens, den du in so gefühlvolle Worte fassen konntest.

    Ich wünsche dir die Kraft und den Mut, den du benötigst, um deinen Vater über dein L(i)eben zu erzählen.

    Das wirst du auch noch schaffen!

    Steffi

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