Rauf mit Ihnen und Spaß haben!

Der erste Moment, in dem ich damit konfrontiert wurde, “anders” zu sein, war im Treppenhaus meiner Realschule, als mich eine neue Mitschülerin, die in diesem Schuljahr (9. Klasse) neu in die Klasse gekommen war und mit der ich mich seitdem angefreundet hatte, fragte, ob ich lesbisch sei. Bis zu diesem Moment hatte ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, das Thema Homo- oder Bisexualität hatte mich noch nie beschäftigt. Überrumpelt von der Frage meinte ich bloß “nö”, und war froh, dass der Musiklehrer kurz darauf kam und uns in den Musikraum ließ. Die Freundschaft war jedoch seitdem kaputt, und wir redeten seitdem nur noch das Nötigste miteinander.

Als ich anschließend auf ein Wirtschaftsgymnasium ging, verknallte ich mich in meine Französisch- und Sportlehrerin, so dass ich mir zwar dachte, dass an der Frage, ob ich lesbisch bin, vielleicht doch was sein könnte. Vor allem, weil ich mich nur unwesentlich für Jungs interessierte. Und, wenn ich so drüber nachdachte, hatte ich früher z.B. nur ungern mit Puppen und so gespielt, und war lieber draußen unterwegs. An Sportarten machte ich Judo – Tanzen war mir ein Graus. War da also doch irgendwas dran? Aber andererseits fand ich doch auch mal einen Jungen süß, ohne aber mehr von ihm zu wollen.
In dieser Phase der Oberstufe machte ich mit Freunden diesen einen Test von Allan und Barbara Pease, ob man ein weibliches oder männlices Gehirn hat. Als bei mir herauskam, dass ich ein neutrales Gehirn hätte und somit bi sein könnte, kam als Reaktion „Müssen wir jetzt etwa Angst haben?“.
Somit hatte ich in meinem Heimatort den Eindruck, von konservativen, pietistischen, intoleranten Menschen umgeben zu sein, und war froh, als ich in Bamberg anfing, BWL zu studieren, und vergaß dort erstmal das Thema wieder, da ich mich die drei Semester, die ich dort verbrachte, auch nicht verliebte.
Erst nach einem Uni- und Studienfachwechsel wurde das Thema wieder akut, als ich mich in eine Dozentin verknallte. Als ich bei ihr eine Klausur schrieb, konnte ich mich nicht richtig auf die Fragen konzentrieren, weil ich sie am liebsten die ganze Zeit nur angesehen hätte. Dementsprechend schlecht viel auch die Klausur aus. Da es an ihrem Lehrstuhl die Regel gab, dass man den Schein für das Seminar bei einer schlechten Note nur bekommt, wenn man vorher in der Sprechstunde war um die Klausur zu besprechen und warum sie so schlecht ausgefallen war, ging ich also zur Sprechstunde, wollte ihr da aber nicht sagen, woran es tatsächlich lag, weil man in dem Gebäude leicht durch Wände hören konnte und draußen im Flur schon der nächste Sprechstundenbesucher saß, und meinte, ich hätte einfach schlecht gelernt. Als ich jedoch anschließend raus ging und vor dem Unigebäude stand, wollte ich unbedingt, dass sie die volle Wahrheit erfährt, also schrieb ich es ihr in einer Email.

Ihre Antwort darauf war dann einfach: wenn dem so sei, solle ich halt keine Seminare mehr bei ihr belegen, wenn sie mich so von guten Leistungen abhielte. Das saß. Dass ich in sie verknallt gewesen war, hatte jedoch immerhin den Vorteil, dass ich während des Semesters gegenüber meinen damals besten beiden Freunden mein Coming-Out hatte, das beide zwar unterschiedlich, aber beide tendenziell positiv aufnahmen. Der Kumpel löcherte mich anschließend, wie ich mir Beziehungen und Sex mit Männern bzw. Frauen vorstelle und welche Unterschiede/Gemeinsamkeiten ich da sähe usw. Von der Freundin kam nur ein: „ist doch egal, wir sind alle nur Menschen“. Bei ihr war ich allerdings nicht sicher, ob sie nicht doch ein Problem damit hatte, da wir kurz darauf auf einer Party waren, bei der sie mich im angetrunkenen Zustand auf die Stirn küsste, woraufhin sie wochenlang mehrmals betonte, dass sie da voll betrunken war.

Die nächsten Monate nach diesem Semester schlief dieses Thema wieder etwas ein, da es nicht akut war. Nur wenn sich andere gerade selbst outeten schloss ich mich an.

Als ich mich dann später in eine andere Dozentin verliebte, nahm ich mir somit fest vor, es ihr niiieee zu sagen, aus Angst, sie könne ähnlich reagieren. Stattdessen belegte ich mehrere Seminare bei ihr und hätte am liebsten nie aufgehört zu studieren um sie so lange wie möglich ansehen und hören zu können. Bei ihr machte ich dann auch meine Abschlussklausur, -prüfung und -arbeit. Als sich das Thema meiner Magisterarbeit dann so änderte, dass es mit LGBT-Organisationen zu tun hatte, hatte ich anfangs für mehrere Monate eine Schreibblockade. Das alles war für mich zu viel auf einmal war: ich war in meine Prüferin verknallt, würde sie bald nicht mehr sehen, wenn ich mit dem Studium fertig war, war selber noch nicht offen ihr gegenüber, und musste über LGBT-Organisationen schreiben, aber auch über andere Organisationen, die sich gegen LGBT-Rechte aussprechen. Diese Kritik an LGBT machte mich fertig, da es mich persönlich traf.

Dadurch kam ich die ersten drei Monate der sechs Monate, die ich für die Magisterarbeit Zeit hatte gar nicht voran. Bis mir diese Prüferin in einer Sprechstunde sagte, dass sie schon schwarz sieht für die Arbeit, sie wohl nicht mehr fertig wird, und sie somit keine Erwartungen mehr habe. Dies war befreiend, da ich dadurch merkte, wie sehr ich sie bis dahin durch eine perfekte Arbeit hatte beeindrucken wollte. Ohne diese Erwartungshaltung konnte ich somit befreit losschreiben. Am Ende der Frist, die ich für die Magisterarbeit hatte, erklärte ich der Prüferin dann, dass ich am Anfang Probleme mit dem Thema hatte, weil ich noch nicht offen bisexuell bin, und mir deshalb die nötige Distanz zum Thema fehlte. Darauf schrieb sie mir eine ermutigende Email, dass sie eh schon gedacht hatte, ich sei lesbisch und dass sie von Freunden wisse, wie schwer das Coming-Out sein kann.

Nach Abgabe der Magisterarbeit flog ich erst einmal für eine Woche nach Island, wo ich es in Reykjavik sehr genoss, dass auf der Haupteinkaufstraße Regenbogenfahnen hingen, weil dort eine LGBT-Organisation und ein Reisebüro, das sich auf Schwule und Lesben konzentrierte, ihre Büros hatten. Hier fühlte ich mich frei und näher bei mir selbst als bisher.

Als ich kurz darauf die Chance hatte, bei einem CSD auf einem Wagen mitzufahren, fürchtete ich am Tag vorher, ich könnte kurz vorher doch noch kneifen aus Angst vor all den Leuten, die mich dort sehen könnten und schrieb der Prüferin eine Email, da sie mich vor der Abgabe der Magisterarbeit auch immer wieder gut überzeugen konnte, nicht zu kneifen, sondern die Arbeit abzugeben. Daraufhin ermutigte sie mich, auch dieses Mal nicht zu kneifen: „rauf mit ihnen und Spaß haben!“.

Seitdem fühle ich mich total frei und zufriedener als zuvor.

Veröffentlicht unter Allgemein

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>