Schritt für Schritt

„Ich bin schwul.“ Das ist ein Satz, den ich mich mit Anfang 20 niemals getraut hätte auszusprechen.

Ich bin heute 30 Jahre jung und habe diesen Satz gesagt. Nicht zu jedem aber zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Bis hierhin bedurfte es allerdings vieler einzelner Schritte, die nach und nach von mir gemacht werden mussten. Sie waren nicht alle einfach zu bewältigen aber ich bin überaus froh, es soweit gebracht zu haben, denn wie schrecklich wäre ein Leben mit unterdrückten Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten. Ich möchte es mir gar nicht ausmalen aber gesellschaftlicher Druck kann den Einzelnen doch zu Höchstleistungen antreiben, seine eigenen Wünsche und Gefühle lange oder sogar für immer zu deckeln und zu unterdrücken.

Mit Anfang 20 hatte ich noch lange keine Gedanken an ein Coming Out oder gar zu denken ich sei schwul. Es gab zu dieser Zeit wahrscheinlich auch noch gar keinen Grund für mich selbst daran zu denken. Ich hatte seit meinem 16. Lebensjahr mehrere heterosexuelle Beziehungen mit Zuneigung, Liebe und Sex. Es waren keine Beziehungen zum Schutz oder zum Erhalt des gesellschaftlichen Ansehens. Im Gegenteil, ich fühlte mich gut und vollkommen. Ein Wunsch nach einer Familie mit Kindern bestand ebenfalls in mir.

Da fragt man sich jetzt: „Wozu ein Coming Out?“

Naja, da waren meine gelegentlichen Streifzüge durch das Internet. Ich ertappte mich ab und an dabei, dass ich mir auf entsprechenden Seiten Nacktbilder von Männern und im späteren Verlauf meiner Streifzüge auch Videos anschaute, in denen es zwischen Männern zu entsprechenden sexuellen Handlungen kam. Es gefiel mir durchaus gut, was ich da so sah.
Diese Streifzüge waren anfangs eher selten. Ich dachte mir ehrlich gesagt auch nicht viel dabei.
Ich war mal mehr und mal weniger online. Es war auch kein Zwang oder dass ich es als Sucht empfunden hätte; aber es war stetig und ich fand es auch sehr geil.
Irgendwann machte ich mir doch so meine Gedanken, wieso ich das so regelmäßig tat. Meine Freundinnen kamen währenddessen allerdings nicht zu kurz.
Aber meine Gedanken gingen mit der Zeit auch weiter, ich dachte dann schon mal daran, wie das in der Realität wäre, Sex mit einem Mann zu haben, dachte jedoch nicht im Traum daran es mal auszuprobieren.
Das lief so weiter. Die Streifzüge durch das world wide web und meine Gedanken wurden nicht weniger.
Mit ungefähr inzwischen 26 Jahren wollte ich es aber doch ausprobieren. Meine letzte heterosexuelle Beziehung war vorbei und ich machte den Schritt mit meinen Gedanken in die Realität. Es gefiel mir und war sehr schön!
Jetzt dachte ich das erste Mal selbst: „Ich bin schwul.“

Ich bin heute der Meinung, dass ich es mir wahrscheinlich irgendwie erst selbst beweisen oder es in mir selbst zulassen musste, dass ich mich doch eher für dasselbe Geschlecht interessierte.
Es führte jedoch kein Weg mehr drum herum. Es war mir jetzt eindeutig klar, was Sache war.

„Ich bin schwul“, dachte ich von nun an selbst. Das war der erste Schritt zum Coming out.

Es fühlte sich alles so schön, aufregend und neu an aber mir war auch bewusst, dass mein Leben sich komplett ändern würde, was ich zunächst allerdings erfolgreich ignorierte.
Die darauf folgende Zeit war zunächst geprägt durch Dates mit Internetbekanntschaften. Auf diesem Weg lernte ich meinen ersten festen Freund Olaf kennen. Ich unternahm viel mit ihm, wir fuhren auch zusammen in den Urlaub. Es war für mich alles sehr schön aber auch schwierig auf der anderen Seite, denn es wusste bisher niemand und das wollte ich zu diesem Zeitpunkt auch nicht anders. Ich war noch lange nicht soweit es meiner Familie oder meinen Heterokumpels sagen zu können. Das gestaltete sich mit der Zeit natürlich immer schwieriger. Einladungen von Kumpels schlug ich aus und meine Eltern wunderten sich, dass ich an den Wochenenden immer woanders übernachtete. Ich wohnte zu dieser Zeit bei meinen Eltern im Haus in einer eigenen Wohnung aber sie bekamen das natürlich mit, da ich an den Wochenenden ja nie zu Hause war und wir hatten immer ein gutes Verhältnis und sprachen eigentlich immer offen und ehrlich miteinander. Sie bemerkten bei mir schnell diese Verhaltensänderung.
Es war für mich auch immer blöder, lügen zu müssen und machte mein Leben auch nicht einfacher. Die Kumpels waren auch alles andere als begeistert, dass ich gar keine Zeit mehr für sie hatte.
Aber was sollte ich machen? Ich wollte ja mit meinem Freund Zeit verbringen und hatte auch Angst mit ihnen was zu unternehmen, weil ich es verhindern wollte, dass sie mir Fragen stellten. Es wurde immer schwieriger und unschöner so zu leben.
Die Beziehung mit Olaf hielt ungefähr 6 Monate.

Danach wollte ich die lokale Szene, in der Kleinstadt in der ich lebe, kennenlernen. Diese ist eher klein.  Es gab zu der Zeit genaugenommen einen Club um schwul auszugehen.
In meinem derzeitigen Freundeskreis gab es niemanden, der schwul war. Ich musste also alleine drauf los und die schwule Welt entdecken. Ich bin nie der Typ gewesen, der alleine in Clubs, Bars oder Diskotheken ging aber mir blieb ja nichts anderes übrig. Es kostete mich jedenfalls große Überwindung alleine ins Nachtleben zu starten. Ich tat es unter Alkoholeinfluss. Ein, zwei Biere vorweg mussten sein.
Als ich den Club das erste Mal betrat dauerte es gar nicht lange bis ich angesprochen wurde und nicht mehr alleine war. Ich ging regelmäßig in den Gayclub und übernachtete gelegentlich auch bei den Leuten, die ich dort kennenlernte. Das ging ein paar Wochen so. An den Wochenenden war ich immer dort bis ich Martin kennenlernte.

Mit Martin bin ich heute rund 3 Jahre zusammen und sehr glücklich. Unsere Anfangszeit war allerdings sehr schwierig und insgesamt ein ständiges Hin und her, was mich extrem belastete. Ich konnte ja nicht mit Freunden oder meiner Familie darüber reden, wie ich das sonst immer tat. Ich musste mit meinem Liebeskummer alleine zurechtkommen. Es war richtig hart.

Meine Mutter bemerkte es, dass es mir gar nicht gut ging. Und so kam es, dass sie eines morgens bei mir klingelte. Sie setzte sich zu mir aufs Bett und streichelte mir über den Rücken und fragte mich zurückhaltend, was mit mir los wäre. Soviel emotionale Zuneigung in diesem Moment ließ meine Mauer, die ich um mich herum errichtet hatte, unmittelbar wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen. Ich fing aus dem Nichts heraus dermaßen an zu heulen. Sie ließ mich ein paar Minuten weiterheulen, ich sagte ja nichts und plötzlich fragte sie mich ob ich Liebeskummer hätte. Das gab ich zu und heulte weiter wie ein Schlosshund. Den Rest konnte sie sich denken und die Frage, die ich jetzt seit rund einem Jahr befürchtet hatte, kam: „Hast du einen Freund?“

„Ja.“

Es war so dermaßen erleichternd! Aber es drehte sich auch alles in mir. Ich war gespannt auf ihre Reaktion. Ich konnte es nie einschätzen , wie sie darauf reagieren würde.
Sie reagierte so wie ich mir das gewünscht hatte. Total einfühlsam, so wie ich sie ja auch kenne.

Darauffolgend erzählte ich es der Reihe nach Schritt für Schritt meiner Schwester, meinem Vater und meinem Bruder. Das kostete mich auch bei jedem Überwindung es auszusprechen, aber es funktionierte zumindest. Ich konnte es aussprechen.
Alle reagierten ganz harmlos. Sie waren alle total überrascht über meinen Lebenswandel aber keiner war entsetzt. Heute kann ich gerade mit meinem Bruder super über alles reden. Ursprünglich hätte ich bei ihm die größten Bedenken gehabt, wie er auf meinen Seitenwechsel regieren würde.
Es war einfach eine riesige Erleichterung.

Ein paar Monate später outete ich mich dann bei meinen beiden wichtigsten Kumpels. Das war auch nochmal eine Überwindung, die mich reichlich Mut kostete. Mit beiden habe ich heute nach wie vor regelmäßigen Kontakt, keiner von beiden hat sich von mir abgewandt. Auch sie reagierten überrascht aber völlig tolerant.
Mit dem Lauf der Zeit erfahren von meinem Lebenswandel nach und nach immer mehr Leute. Zum Beispiel Freunde und Bekannte meiner Eltern, die sich nach mir erkundigen. Meine Eltern machen  keinen Hehl daraus, dass ich einen Freund habe, was ich auch gut finde. Bisher hat niemand intolerant reagiert.

Ich kann es teilweise gar nicht glauben, hatte ich mir doch lange Zeit solche negativen Gedanken gemacht. Hätte ich das vorher gewusst, wäre es ja alles gar nicht so schlimm gewesen und ich hätte mich bestimmt früher schon meinen Eltern anvertraut. Aber ich glaube trotzdem, dass es einfach seine Zeit brauchte. Ich musste mich ja selber erstmal damit anfreunden, dass ich auf Männer stehe.

Mittlererweile fühle ich mich immer besser damit, dass immer mehr Menschen in meinem täglichen Umfeld wissen, dass ich schwul bin.

Aber es wissen doch noch nicht alle. Auf der Arbeit bin ich bisher nicht geoutet und werde mir damit auch noch Zeit lassen. Ich hab da noch nicht den richtigen Dreh gefunden, wie ich das machen soll. Ich finde allerdings auch, dass ich mich da nicht unbedingt outen muss. Ist ja schließlich meine Sache, was ich privat so anstelle.
Es fällt mir jedoch zunehmend schwerer kaum davon zu erzählen, was ich so an den Wochenenden mache. Meine Kollegen denken bestimmt bereits, dass ich ein Langweiler sei. Naja, dann ist dem halt so. Ich kann bisher damit leben. Ich werde da schon eine Möglichkeit finden, es zu verkünden.
Wann weiß ich noch nicht.

Aber eines ist sicher, der nächste Schritt kommt bestimmt.

Veröffentlicht unter Allgemein

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