Upside down

Ich bin noch verheiratet und schwuler Vater zweier Kinder; seit Oktober 2012 bin ich geoutet und lebe seit Februar in einer Beziehung mit meinem Freund.
Diese beiden Sätze lassen zurecht auf einen komplexen, schmerzvollen, langdauernden, letztlich aber auch befreienden Selbstfindungprozess schließen, der mir nur mit Hilfe einer Psychotherapeutin gelang.

Im unmittelbaren Vorlauf zu meinem Outing hatte ich viele Monate mit Depressionen und Aggressionen zu kämpfen; obwohl – oder vielleicht gerade weil – ich mit einer Frau nahezu 10 Jahre in einer Beziehung lebte, sie 2009 heiratete und dann 2010 (Sohn) und 2013 (Tochter) – ja, ihre Zeugung war (noch) im Sommer 2012 – Kinder in die Welt setzte, ging es mir peu à peu schlechter. Im wahrsten Sinne des Wortes: Ich fühlte mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Ich versank nach Feierabend desöfteren in depressive Verstimmungen, stritt mit meiner Frau und war ungeduldig zu meinem Sohn. Es kriselte immer öfter, immer länger. Mein Leben machte mir keinen Spaß mehr; ich ertappte mich dabei, dass ich ungern nach Hause ging und “hochmotiviert” Überstunden leistete.

Mehr durch meine Frau gedrängt als selbstmotiviert, begab ich mich im Juni 2012 schließlich in eine Psychotherapie. An einem Punkt der Behandlung und vielstündiger Exploration stand auch das Thema der eigenen sexuellen Identität an. Konfrontiert und hinterfragt durch meine Therapeutin, grübelte ich über mich und meine Vergangenheit nach, dachte über diverse “weiche” Ereignisse (Umarmungen von Männern vs. Frauen) und “weibliche” Verhaltensweisen (“affektiertes Getue”) meinerseits, ja sogar die Dekoration in meiner ehemaligen WG-Bude nach (Botticelli statt Bayern München an der Wand, Potpourri auf der Kommode, u. ä.). Ich spielte homosexuelle Fantasien durch, achtete auf erotische Werbung… ich war irritiert und durcheinander, ich hatte Angst und fühlte mich … zerschlagen.  Kurzum: Wer war ich eigentlich (sexuell)? Fühlte ich mich hetero-, bi- oder homosexuell? Was fühlte sich “echt” an?

Im August wurde ich – parallel zu diesem Verlauf – von meinem jetzigen Freund auf einem beruflichen Netzwerk kontaktiert; er hatte mich, einen in einer Psychiatrie tätigen Psychotherapeuten, entdeckt und da er eine Bachelorarbeit zu psychotherapeutischen Interventionen auf einer psychiatrischen Station verfasste, wollte er gerne auf einige seiner Fragen Antworten “aus erster Hand”.
Wir begegneten uns in einem Café, er den Arm voller Bücher mit Schreibzeug, ich in gespannter Erwartung dessen, was mich erwartete – nicht nur fachlicher Art. Denn ganz unbefangen ging ich nicht in dieses Treffen. Ich hatte zuvor sein Profilfoto in dem Netzwerk gesehen und – sei es durch dieses “Angespitztwerden” im Rahmen der Therapie oder nicht – … er … gefiel mir.

Es war ein sehr anregendes Gespräch. Traurigkeit machte sich bei unserer Verabschiedung in mir breit…

Einige Tage später erhielt ich eine eMail von ihm: Er und seine Eltern wollten mich zum Dank für meine Hilfe bei seiner Bachelorarbeit zu einer Theatervorstellung mit Abendessen einladen. Meine Frau fand diese Idee etwas sehr großzügig, ich aber freute mich sehr… weniger über die Theatervorstellung an sich als vielmehr über das Wiedersehen… für einen ganzen Abend, mehrere Stunden am Stück!

Während wir vier aßen, tranken, uns unterhielten und lachten, blickten sich mein Freund und ich immer öfter an und ich bekam ein Gefühl als blendete ich mich mit ihm in (mentale) Zweisamkeit aus. Wir gingen ins Theater. Irgendwann während der Vorstellung bei Dunkelheit und äußerer Ablenkung fanden unserer Hände zueinander. Wundervoll! “Idiot, Er hat die ganze Zeit mit Dir geflirtet und Du fandest es toll, weil Du selber schwul bist! Ist Dir das nicht wenigstens jetzt endlich klar?!” So oder so ähnlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Einige Tage später hatt eich einen Wettkampf, zu dem mich meine Frau und mein Sohn begleiteten. Vor dem Start und während des Laufs war mein Kopf frei von jeglichen “existenziellen Gedanken”. Auf der Heimfahrt allerdings schliefen die beiden und ich konnte mich Tagträumen hingeben. Die Erinnerung an jenen Abend im Theater ließ in mir die Fantasie und den Wunsch nach mehr gemeinsamer romantischer Zeit aufspinnen. Dies wiederum konfrontiert mich mit dem Gedanken, wie es sich wohl anfühlte, mit einem Mann zusammenzusein und welches dann die Konsequenzen für mein Leben und das meiner Angehörigen wäre.

Kennst Du das Gefühl absoluter innerer Schwerelosigkeit? Wenn es Dir so leicht ums Herz wird, dass Du erschüttert und angerührt wirst? So erging es mir in diesem Moment. Ich bekam feuchte Augen. Ich wollte auf einmal und mich endlich … echt und leicht fühlen. Das Wahre leben. Konsequenzen? Egal! Mein Leben und das meiner Angehörigen umkrempeln? Egal! Ein “Egotrip” begann; ich wusste, was ich zu tun hatte. Zwei Tage später besprach in in der psychoterapeutischen Sitzung wie ich bei meinem Coming-out und meiner Trennung vorgehen sollte. Am Abend es selben Tages teilte ich meiner Frau mit, was sich in mir in den vergangenen Wochen abgespielt hatte.

Sie war erschüttert. Mit allem hätte sie gerechnet, damit aber nicht. Ich schaffte es an diesem Abend und die darauffolgenden Tage nicht, sehr empathisch zu sein mit ihren  Ängsten (denn an die Fortführung unserer Ehe war nicht mehr zu denken), Enttäuschung, Wut. Wenngleich auch für mich dieser Moment eine Zäsur in meinem Leben darstellte, sich eine völlig neue Zukunftsperspektive zu der bislang erwarteten (Kinder, Eigenheim mit Garten, u. a.) sich zu entfalten begann, war ich euphorisch. Ich hatte die wichtigste Entscheidung meines Lebens getroffen und sie fühlte sich sehr gut an.

Als ich dieses Ereignis Freunden und Familie mitteilte, erntete ich Reaktionen von “Was soll de Scheiß! Denkst Du nicht an Deine Frau und Kinder!” über “Du hast ihr (meiner Frau) Leben zerstört.” bis zu “Respekt für diese Entscheidung!” und “Das war richtig!”.

Die Vorstellung, ich hätte diese – nicht zuletzt durch meine Therapie gewonnenen – Erkenntnisse abgewehrt und verleugnet und so weitergemacht wie bisher, erzeugen heute in mir Grausen. Was für eine seelische Verstümmelung unter der vor allem meine Kinder über kurz oder lang zu leiden gehabt hätten.

Meine Depressionen und Aggressionen sind deutlich geschrumpft seit vergangenem Herbst. Schwer ums Herz wird es mir, wenn ich mich nach einem “Papa-Tag” – meine Frau und ich haben das i. R. e. Mediation vereinbart – von meinen Kindern verabschieden muss. Und schwer ums Herz wird es mir, wenn ich meine Frau unter ihrer Situation als quasi Alleinerziehende leiden sehe. Dann denke ich mir, es wäre besser gewesen, ich hätte schon vor 10 Jahren das erfahren, was ich jetzt schon weiß. Aber das Coming-out rückgängig machen… never ever!

Mein Freund führt mir jedes Mal, wenn wir uns sehen, vor Augen, was ich in all den Jahren wirklich gesucht und nun gefunden habe.

Veröffentlicht unter Allgemein

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>