Weil Rot das schönere Blau ist

Jetzt, wenn ich zurückdenke, hatte ich eigentlich nur weibliche Freunde. Das männliche Geschlecht war mir immer zu abstrakt, zu grob, zu plakativ – und vor allem – zu unsensibel. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr wurde mir die Erkenntnis immer mehr klar, jedoch schleichend. Ich bin nun einundzwanzig Jahre alt und stehe an einem Punkt, an dem sich vieles zu ändern scheint, da Bewegung ins Leben kommt. Es war immer sehr schwer zu verstehen, weswegen die Jungs in meinem Alter wieder über das erste Mal sinnierten, den Sex-Appeal der Mädchen in der Klasse diskutierten und über Pornos sprachen. Ich fühlte mich dort nicht nur fehl am Platz, es war mir auch nie verständlich, über diese Themen so ausschweifend zu diskutieren. Ich finde den Gedanken, den Akt zu vollziehen, sehr merkwürdig und ein klein wenig ekele ich mich auch davor, gleichwohl ich es noch nie probiert habe. Auch der Akt der Selbstbefriedigung erschient mir zu suspekt, auch das habe ich nie gemacht, da bei mir wohl nicht der Drang, jenes zu tun, vorhanden war. Und immer noch nicht ist. Viel mehr stelle ich mir vor, ein Mädchen lange zu umarmen, es vorsichtig zu küssen, ihr den Handrücken zu streicheln und mit ihr einen romantischen Abend zu verbringen, fern all der sexualisierten Wertvorstellungen. Ich fühlte und fühle mich in der Gesellschaft der Mädchen sehr wohl, fühle mich dort verstanden, akzeptiert. In all meinen Schuljahren hatte ich stets Kontakt zum weiblichen Geschlecht, und es war teilweise so vertraut, dass ich mir immer öfter wünschte, selbst ein Mädchen zu sein. Denn es ist ein Graus, Vertreter des männlichen Geschlechts zu sein. Ich kann mich mit diesem Geschlecht nicht identifizieren, es entspricht meinen inneren Gefühlen nicht und blockiert mich bei vielen Gelegenheiten, weil ich auf mein biologisch bestimmtes Sein gestutzt werde. Ich würde mir sehnlichst wünschen, offen und ohne Hinterfragungen auf der Straße und in Gesellschaft ein schönes Kleid zu tragen. Leicht lockiges Haar sowie roten Nagellack zu tragen. Dezenten Lippenstift. Und ein anderes Mädchen lange endlos zu umarmen, um mich in diesem Moment wie der glücklichste Mensch auf Erden zu fühlen. Doch die Realität lässt meinen Traum und meine Wünsche schnell zerplatzen.

Ich sehe, wie jeden Tag der Bart wächst, und es gefällt mir gar nicht. Die Beinhaare missfallen mir, doch das Rasieren bringt nicht viel Erfolg. Ich trage einen scheußlichen, männlichen Namen, habe eine klar erkennbar männlich-modulierende, unattraktive Stimme und fühle mich in meinem Körper vollkommen falsch. Das bin nicht ich. Doch das Mädchen in mir kann ich nur schwer ausleben, da die Erscheinung mir nie genommen wird. Ich kann zwar Nagellack und dezenten Lippenstift auftragen, auch ein niedliches Kleid tragen, doch im Spiegel blickt mich ein Junge an, der sich nur wie ein Mädchen kleidet. Doch im Inneren sehe ich es genau, ich bin ein reines Mädchen, der Spiegel vermag mir diese Wahrheit zu versperren, auch wenn, seit ich vor ein paar Tagen diesen Wunsch offen angesprochen habe, es akzeptiert und anerkannt wird, gleichwohl es noch in den Kinderschuhen steckt. Auch wenn mein Umfeld meinen Wunsch, ein Mädchen zu sein, akzeptiert und toleriert, ändert das nichts an der Tatsache, dass mein Erscheinungsbild eine Lüge zeigt. Eine Lüge, vorgetragen seit einundzwanzig Jahren, und die Jahre ziehen sich weiterhin. Durch diese Lüge wird mir ein weiterer Stein in den Weg gelegt, wenn es um dem Punkt geht, einem anderen Mädchen meine Gefühle zu offenbaren. Denn für sie bin ich ein Junge, obwohl ich emotional und auf allen anderen Ebenen weiblich bin, was zu einem Konflikt führen wird, der nur schwer zu erklären und – wohl auch – zu akzeptieren ist, da ich im tiefsten Kern lesbisch bin, meine Gestalt diesen Terminus aber nicht zulässt. Ich liebe das weibliche Geschlecht so sehr, es fasziniert mich in all seinen Belangen und ich fühle mich vom männlichen Geschlecht so sehr abgeneigt und missverstanden, dass mir immer bewusster wurde, dass ich diesem Geschlecht auch angehöre. Doch es war ein schwerer und langer, auch komplizierter Weg für mich, das selbst zu verstehen, da ich mich anfangs nur dem Männlichen entzogen habe und geschlechtlos durch die Länder zog. Aber es gibt nichts schöneres, als ein Mädchen zu sein. Und ein Mädchen zu lieben.

Meine Geschichte mag zwar nicht so positiv klingen wie diverse andere, aber das ist meine. Und es ist gar nicht so leicht, diesen Sachverhalt zu einem Außenstehenden in einem Satz zu erklären. “Ich bin ein asexuelles, post-homosexuelles Mädchen, auch wenn mein Erscheinungsbild männlich ist.” Mit diesem Satz überfordert man die Menschen eher, als das man Verständnis verbreitet. Aber so ist es. Das ist meine Geschichte.

Veröffentlicht unter Allgemein

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