Zwischentöne

Ich halte mich persönlich für nicht besonders beweglich, wenn es darum geht, auf Außergewöhnliches zu reagieren: Behäbig, tollpatschig und von nahezu maßloser Langsamkeit erlebe ich unvorhersehbare Ereignisse als widerwärtige Feinde meiner selbst, als erschütternd und überflüssig…

Obwohl ich keine Einzelgängerin bin, drängt es mich von Zeit zu Zeit, mit Zigaretten bewaffnet mein Lieblingscafé aufzusuchen. Café au lait kombiniert mit einer Gauloise legère wirkt sich ungemein positiv auf meine Befindlichkeit aus; dabei kann ich entspannen, meine Mitmenschen beobachten und meine kleine Welt wahlweise ordnen oder zerstören. Zumindest gedanklich.

Aus dem Lautsprecher, der neben mir aufgehängt ist, bahnt sich die zaghafte Melodie einer Violine ihren Pfad durch mein linkes Ohr, um mit meinen Gedanken zu spielen. Sie ist klein und weich und ein wenig spöttisch; dann und wann zwinkert sie mir freundlich zu.

“Entschuldige, wenn ich dich störe… woher hast du diesen Anhänger?” Eine Frau setzt sich mir gegenüber. Ohne zu fragen, ohne Umschweife und mit zwei kleinen Grübchen in den Mundwinkeln.

“Also, ich – was meinst du?”

“Na, die Streitaxt, die du an dem Lederband hängen hast. Ich suche schon seit langem etwas Vergleichbares, vor allem in dieser Größe.”

“Meine Freundin hat sie mir aus Griechenland mitgebracht. Sie war dort letzten Sommer auf einer Insel in der Ägäis. Interessierst du dich für Schmuck?”

Sie lacht und übergeht meine Frage. “War Deine Freundin auf Lesbos?”

Die Violine trillert in der dritten Lage. Ein kleiner Nerv oberhalb meiner rechten Augenbraue trillert mit.

“Nein, warum? Ich glaube, es war Paros.”

Sie lacht wieder. “Es wäre naheliegend. Du musst entschuldigen, ich dachte nur…”

Die Violine schlängelt sich wieder in tiefere Regionen. Mein Nerv zuckt immer noch.

Sie steht auf. “Dann werde ich wohl nach Griechenland reisen müssen.”

Eine Flöte hat sich zur Violine gesellt und verwickelt sie in ein Gespräch; eines von diesen Gesprächen mit Fragen und Antworten ohne logische Reihenfolge. Warm und weich das Streichinstrument, es hebt nur selten die Stimme, um Nachdruck zu verleihen. Die Flöte zwischen unruhigen Tonreihen und verständnislosen Satzfetzen. Manchmal sind die fremd, manchmal jedoch erscheinen die Motive seltsam bekannt und vertraut, wie Gerüche, die Erinnerung stiften. Ich höre hin und betrachte die Frau. Mit dem Qualm meiner Zigarette bemühe ich mich, ihr Gesicht zu verstecken, doch jedes Mal reißt die Nebelwand an einer Stelle, und sie sitzt immer noch dort am Nebentisch.

Klein, mit kurzen dunklen Haaren, einer runden Nickelbrille, grünen Augen, die sich – wie es scheint – selten langweilen und mit Grübchen in den Mundwinkeln sitzt sie dort.

Irgend etwas Träges ist da in mir, das ich nur zu gut kenne, über das ich mich immer wieder ärgere und das sich wie ein behäbiges Walross mit großen glasigen Augen vor mir herwalzt. Es begleitet mich wie selbstverständlich in allen Lebenslagen und ist mir inzwischen fast vertraut geworden, eine Vertrautheit, die nur durch seine sture Ausdauer und mein Phlegma begründet ist. Aber warum sich anstrengen und das Bekannte vertreiben? Wer weiß, was sich dahinter verbirgt…

Die Musik hat gewechselt, eine amerikanische Rocksängerin schreit ihren Schmerz so nachdrücklich ins Mikro, dass sogar die akkorddreschenden Gitarren ein stückweit betroffen sind. Währenddessen habe ich zu meiner Überraschung eine Diskussion mit dem Walross begonnen, versuche es zu überzeugen, dass es mir im Weg liegt, dass ich aufstehen und mich zu der Frau setzen möchte. Es scheint verwundert über meinen ungewohnten Eifer, bleibt aber an Ort und Stelle und glart mich weiter stumpf an.

Irgendwann hat die Rocksängerin aufgegeben; die Flöte spielt wieder. Dumpf, dunkel, orientierungslos gleitet sie die Töne entlang. Töne werden zu Treppen, sie taumelt sie hoch, manchmal zurückfallend, schließlich verbissen in eine Skala, die sie nicht mehr loslässt; schneller wird sie höher wird sie lauter…

Zechprellend renne ich aus dem Café. Dort steht sie.

“Also… ich… vielleicht könnte ich dir den Anhänger mal leihen?”

Wahrscheinlich bilde ich mir nur ein, die Flöte lachen zu hören.

Eine Geschichte von Anja Buchmann

Veröffentlicht unter Allgemein
2 Kommentare auf “Zwischentöne
  1. Cordula Haas sagt:

    sehr schöner und flauschiger Text! Grüße aus dem Bergischen – leider nicht aus Holland, Cordula

  2. Christine sagt:

    zwischentöne – sprachlich sehr gewandt und sehr sensibel und einfühlsam beschrieben…

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